Beschäftigt man sich mit der Geschichte der Wehrkirche in Hannberg, so findet man stets auch Hinweise auf unterirdische Gänge. Diese sollten im Verteidigungsfall den in der Wehrkirche eingeschlossenen Gläubigen einen letzten Fluchtweg aus der Wehrkirche bieten. Am 25. Juni 2013 wurden unterirdischen Gängen unter der Wehrmauer begangen und in Fotomaterial dokumentiert. Die Frage, die bleibt: Wäre es möglich, die Gänge der Öffentlichkeit zugänglich zu machen? Damit würde der historische Wert der Wehrkirche und des Ortes Hannbergs signifikant gesteigert werden.

 Hinweise auf unterirdische Gänge

Zugang Tunnel

Zugang Tunnel

Unterhält man sich mit älteren Menschen in Hannberg zu der Geschichte der Wehrkirche, so werden stets unterirdische Gänge erwähnt, die im ausgehenden Mittelalter im Verteidigungsfall den eingeschlossenen Gläubigen helfen sollten. Ein konkreter Anhaltspunkt ergab hierbei eine Geschichte, die vor einigen Jahren die mittlerweile verstorbene Frau Anna Winkelmann aus Hannberg erzählte. An der Stelle des heutigen Firmensitzes Wegscheider stand bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts eine Gaststätte Winkelmann mit Brauerei und Bäckerei. Diese Gastwirtschaft hatte 300 Jahre den Besuchern und Wallfahrern der Wehrkirche Hannberg als Rast gedient. Frau Winkelmann erzählte, dass um 1930 ein schwerer Lastkraftwagen einer Brauerei aus Nürnberg vor der Gaststätte auf dem Dorfplatz eingebrochen sei. Darunter verbarg sich ein unterirdischer Gang, der von der Wehrkirche kommen in Richtung Neuenbürg zeigte.

Stelle Einbruch LKW auf Dorfplatz 1930

Stelle Einbruch LKW auf Dorfplatz 1930

Der Boden hatte unter der schweren Last des LKWs nachgegeben. Als die Gastwirtschaft in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts abgerissen wurde, wurde der Eingang des Wehrgangs deutlich sichtbar. In Fotoaufnahmen von Herr Noppenberger sieht man den Tunneleingang von der Ostseite, der mit dem Bau der neuen Raiffeisenbank zugemauert wurde. Dieses Fotomaterial war bisher nur einer kleinen Zahl von Personen zugänglich.

Ein weiterer Anhaltspunkt gibt der bis 1973 auf dem Dorfplatz vorhandene Dorfbrunnen. Als in den 70er Jahren der Dorfbrunnen abgebbaut wurde, konnten viele der Bauarbeiter in den verbundenen unterirdischen Gang klettern und sprechen von ca. 7-8 Meter Tunnel in Richtung Osten. Fotoaufnahmen aus den 50/60er Jahren des letzten Jahrhunderts helfen bei der Frage, wo der Tunnel gestanden hatte.

Dorfplatz und Brunnen

Dorfplatz und Brunnen

Spontan kommt hier bei vielen Hannbergern der Wunsch auf, dass bei der geplanten Sanierung des Hannberger Platzes im Jahr 2014 der Brunnen wieder freigelegt und ggf. sogar der Gang zugänglich gemacht werden könnte.

Was ist heute noch ein Zeugnis des Ganges? Ein Lichtschacht mit Gitterrost zur Luftzufuhr des Ganges befindet sich unscheinbar am Boden auf der linken Seite des Eingangstors der Wehrkirche. Dieses Gitterrost wird täglich unbemerkt von vielen Gästen unbeachtet „links“ liegen gelassen, ohne zu wissen, dass dies eine offene Verbindung zum unterirdischen Gang in Hannberg ist.

Begehung eines unterirdischen Ganges

Standort Firma Wegscheider Hannberg

Standort Firma Wegscheider Hannberg

Inspiriert durch diese Geschichte führten Robert Noppenberger und Thomas Willert über den Keller der Firma Wegscheider eine Begehung eines unterirdischen Gangs am 25. Juni 2013 durch. Der Eingang führte durch das Kellergewölbe in einen Gang in Richtung Mauer der Wehrkirche. Der Tunnel hatte eine Höhe von ca. 1,6 Meter und ermöglichte das Laufen mit gebücktem Haupt. Die Breite des Tunnels variierte zwischen 1,5 Meter und 2 Meter. Das erste Tunnelstück endete nach ca. 5 Meter unter der Mauer der Wehrkirche. Der Tunnel macht eine Rechtskurve und führt somit parallel zur westlichen Festungsmauer in Richtung Eingangstor. Auf der Seite zur Wehrkirche ist zwischen den Sandsteinmauern deutlich eine zugemauerte Tür zu erkennen. Diese müsste früher in die Wehrkirche geführt haben. Sollte dieser Gang in dem früheren Backhaus am Rande der Wehrkirche enden oder sogar bis in das Kircheninnere führen? Der Tunnel nach der Rechtskurve ist ungefähr 8 Meter lang und macht eine weitere Rechtskurve. Danach geht es ca. 3 Meter nach Westen und ist am Ende mit dem Licht- und Luftschacht mit der Außenwelt verbunden. Dies ist der bereits erwähnte Zugang, der vor dem Eingangstor mit einem Gitterrost geschützt ist!

Unterirdischer Gang Hannberg

Unterirdischer Gang Hannberg

Warum sollte nun ein unterirdischer Gang direkt vor dem Eingangstor an das Tageslicht führen? Würden Flüchtende nicht in diesem Fall direkt den Feinden in die Hände fallen? Bei der Analyse von früheren Bebauungsplänen der Wehrkirche wird deutlich, dass das Torhaus bei der Einbindung der Schule im ersten Stockwerk um ca. 2 Meter abgeflacht wurde, damit landete der Ausgang bei dem Gitterrost direkt in dem früheren Torhaus. Das macht Sinn!

 Wie viele Tunnel gab es?

Im Rahmen weiterer Nachforschungen zu unterirdischen Gängen zitierte Robert Noppenberger den 1959 verstorbenen Pfarrer Stang: „Der Boden beim Beichtstuhl auf der rechten Seite im Kircheninneren klinge ziemlich hohl unter dem Boden. Wollen wir nichts davon sagen, sonst reißen sie uns noch den ganzen Boden auf”. Sollte wirklich ein Gang an dieser Stelle existiert haben, so führte er in Richtung Ölberg und hätte das Kircheninnere mit der Wehrmauer verbunden. Unter dem Andreassaal ist ein größerer Keller, der in Richtung Gasthaus Baumüller führt. Bei näherer Betrachtung würde ein unterirdischer Gang zwischen Kircheninnere und „Außenwelt“ Sinn machen. Sollte im Verteidigungsfall das Torhaus aufgebrochen und die Wehranlage ohne Schutz sein, so könnten die in der Kirche sich eingeschlossenen Menschen flüchten. Er hätte im Notfall zur Aufnahme einer größeren Anzahl von Menschen gereicht, um sich dann schließlich nachts einzeln durch den schmalen und niedrigen Gang in Sicherheit zu bringen.

Tunnel entdeckt bei Straßenarbeiten 1959

Tunnel entdeckt bei Straßenarbeiten 1959

Interessanterweise erinnern sich noch viele ältere Menschen in Hannberg, dass bei dem Bau der Straße zwischen Kriegerdenkmal und Gaststätte Baumüller die Baggerarbeiten einen unterirdischen Gang freilegten. Viele der Anwohner, der damalige Bürgermeister Haselmann, der Messner Geier (beide bereits gestorben), Herr Noppenberger und auch einige Kinder sind damals in den Tunnel gegangen und haben einen Weg Richtung Großenseebach gesehen. Dieser Tunnel ging genau zwischen den heutigen Häusersn Gimberlein und Dengler Richtgung Großenseebach. Übrigens: Bis 1940 war in dieser Richtung der Fußweg der Hannberger nach Großenseebach zur Kreuzigungsgruppe. Das macht Sinn! Leider wurden im Rahmen der Bauarbeiten nicht das Amt für Denkmalschutz eingeschaltet, der Tunnel zugeschüttet und mit den Straßenbauarbeiten fortgeführt.

Wie passen nun diese ganzen Hinweise auf unterirdischen Tunnel zusammen? Verbindet man die bisher entweder physisch eingesehenen sowie erwähnten Tunnelstücke, so ergibt sich folgendes theoretisches Konstrukt: Ein Tunnel der das Kircheninnere mit der Wehrmauer unter dem Andreassaal verbindet und in Richtung Kriegerdenkmal nach Außen in Richtung Gasthaus Baumüller führt. Ein zweiter Wehrgang, der das Torhaus über den Dorfplatz in Hannberg in Richtung Neuenbürg verband.

Verbindung nach Neuenbürg?

In den Herzogenaurachern Heimatblättern von 1960 finden wir eine Legende, die eine mögliche Verbindung von Hannberg mit Neuenbürg ins Gespräch bringt. „In den Bericht der Sagen ist mit großer Wahrscheinlichkeit die Erzählung zu verweisen, dass vom Kirchturm in Hannberg ein unterirdischer Gang nach Neuenbürg geführt haben soll. Solche Gänge sollen auch Hannberg, Neuenbürg und Weisendorf mit der „Altenburg“ bei Reuth verbunden haben“. Einige ältere Bauarbeiter aus der Gemeinde Hessdorf erinnern sich, dass auf der Kreuzigungsgruppe von Hannberg nach Großenseebach ein Eingang zum Tunnel zwischen Hannberg und Neuenbürg war. Konkretere Hinweise gibt es bisher noch nicht, doch vielleicht kann durch diese Geschichte etwas angestoßen werden.

Ausblick

Gang mit Lichtschacht im Hintergrund

Gang mit Lichtschacht im Hintergrund

Sicherlich ist ein unterirdischer Gang mit einer Länge von somit 4 km zwischen Hannberg, Neuenbürg und Reuth als unwahrscheinlich zu betrachten. Doch stets haben solche Geschichten und Legenden auch ein Stückchen Wahrheit in sich. Es gilt jedoch als gesichert, dass die beiden gefundenen Gänge zwischen Wehrkirche, ehemalige Gaststätte Winkelmann und noch vorhandene Gaststätte Baumüller sich an einer Stelle in Hannberg kreuzen und dann außerhalb des Ortes an einer damals geschützten Stelle an das Tageslicht führten. Dies könnte die Kreuzigungsgruppe Richtgung Großenseebach sein.

Die Erforschung der Geschichte der unterirdischen Gänge in Hannberg ist erst am Anfang und benötigt noch weiterer Untersuchungen, um das für die damalige Zeit moderne Verteidigungskonzept der Wehranlage Hannberg zu vervollständigen. Der Wunsch besteht, dass diese unterirdischen Gänge bis zum großen Jubiläum 2015 (950 Jahre Hannberg) öffentlich zugänglich sind. Das würde den historischen Wert der Wehrkirche über die Gemeindegrenze hinaus deutlich steigern.

Quellen

  • Robert Noppenberger „Hannberg hatte die erste moderne Wehrkirche der beginnenden Neuzeit!“, www.wehrkirche-hannberg.de, Juni 2013
  • Herzogenauracher Heimatblätter, 1945
  • Fotosammlung Pfarrer Sterzl und Lehrer Noppenberger 1958-62