Kirchen - Frontansicht

Kirche Frontansicht

Der heute 88-jährige Robert Noppenberger war ab 1950 Lehrer und Schuldirektor in Hannberg und beschäftigt sich seit dieser Zeit mit der Geschichte Hannbergs und ihrer Wehrkirche. Der folgende Beitrag ist das Manuskript eines Vortrags aus dem Jahr 2002 in der er die Wehrkirche Hannberg als erste moderne Wehranlage der Neuzeit beschreibt. Robert Noppenberger beschreibt akribisch die Entwicklung Hannberg im Vorfeld der Erbauung der Wehrkirche, deren Entstehung und die Ereignisse im Dreißigjährigen Krieg. Obwohl nicht alle Thesen von Noppen-berger unumstritten sind (z.B. 1486 als Erbauungszeitpunkt der Wehranlage vs. 1464 von Hans Schaub) stellen seine Aufsätze die umfangreichste Dokumentation der Geschichte der Wehrkirche Hannberg dar.

1486

Inschrift 1486 Südseite Turm

Inschrift 1486 Südseite Turm

Diese Jahreszahl an der Südseite des Turmes der Wehrkirche Hannberg, eingemeißelt von einem unbekannten Steinmetz, ist der einzige bisher gefundene schriftliche Hinweis auf die Erbauung dieser, nach Meinung der Fachleute sozusagen in einem Guss entstandenen Kirche mit Verteidigungsanlage. Es wurden nicht mehr die römischen Ziffern MCDLXXXVI verwendet. Entsprechend der damaligen Zeit hat man die arabische Ziffer vier mit einer oben offenen, also halben acht dargestellt. Die Bauarbeiten bis zur Fertigstellung dieser Anlage dürften sich sicherlich über Jahre, möglicherweise sogar mehr als ein Jahrzehnt hingezogen haben, und nach Ansicht einzelner Forscher, wie z.B. Tilmann Breuer, entstand die Wehrkirchenanlage erst kurz vor 1503. In Worten ausgedrückt war der in Frage kommende Zeitraum der Erbauung das ausgehende Mittelalter und der Beginn der Neuzeit. Man hatte die arabischen Zahlen übernommen und kannte bereits die Wirkung des Schießpulvers. „Nihil sine causa“, das uralte Kausalitätsgesetz, nach dem nichts ohne Ursache, ohne Grund geschieht, kann weiterhelfen, wenn Urkunden der Erbauung unserer Wehrkirche nicht vorhanden bzw. vielleicht noch nicht entdeckt worden sind. Es muss jedenfalls eine massive kriegerische Auseinandersetzung in unserem Bereich gewesen sein, die dem Bau der Verteidigungsanlage vorausgegangen war und ihn bewirkt hat. In den Geschichtsbüchern unserer Schulen erfahren wir von den Husseiteneinfällen zwischen 1420-1434, aber sie betrafen unsere Gegend nicht, und der Bauernkrieg in Franken tobte erst 1525. War zwischen diesen beiden Kriegen wirklich Frieden in unserem Land? Um diese Frage zu beantworten, muss man etwas weiter ausholen.

Um das Jahr 1250, als der deutsche Kaiser Friedrich II. starb, war es mit dem staufischen Weltreich aus. Sein Sohn Enzio starb im Gefängnis zu Bologna und der letzte Hohenstaufer, Konradin, musste 1258 in Neapel das Blutgerüst besteigen, nachdem er vergeblich versucht hatte, das sizilische Erbe seiner Ahnen wieder zu erobern. So endete das Herrschergeschlecht der Hohenstaufer auf schreckliche Weise. Es begann die kaiserlose, die schreckliche Zeit, das Interregnum (1250 – 1274).

Während dieser Zeit lagen in Deutschland die Fürsten und sonstigen Adeligen in ewiger Fehde miteinander. Jeder missgönnte dem anderen seinen Besitz und suchte sich zu bereichern. Am meisten litten darunter die Bauern und die Städte, die während der Stauferzeit sehr aufgeblüht waren. Im späten Mittelalter hatte man die Abgaben der Bauern in Geld umgewandelt. Als der Wert des Geldes sank, erhielten die Ritter immer noch dieselbe Summe wie vorher. Davon konnten sie sich aber nicht mehr dasselbe leisten wie vorher, sie verarmten. Manche Ritter verkauften ihr ererbtes Lehen an einen reich gewordenen Kaufmann oder heirateten eine wohlhabende Kaufmannstochter, um ihre Schulden loszuwerden, zogen in die Stadt und wurden Stadtbürger, andere Ritter wurden Raubritter, die über die Dörfer herfielen oder als „Buschklepper“ den Warenzügen der Kaufleute auflauerten. Keiner war auf den Straßen seines Lebens mehr sicher. Kaufleute mussten einen ganzen Zug von Kriegsleuten mitnehmen, wenn sie über das Land von Stadt zu Stadt zogen. Gelang es dann wirklich, den Klauen der Raubritter zu entrinnen, so mussten sie doch alle Augenblicke Zoll entrichten, den die Landesfürsten  allzu gerne den „Pfeffersacken“ abnahmen. Wer die stärkste Faust hatte, blieb obenauf, keiner fragte nach Recht und Ordnung, es galt eben das Faustrecht. Allmählich jedoch sahen die Fürsten ein, dass es so nicht weitergehen“ konnte, sollte Deutschland nicht zur Räuberhöhle werden. Deshalb wählten sie den Grafen Rudolf von Habsburg, der im Vergleich mit den mächtigen Fürsten ein kleiner Herr war, zum König. Rudolf, ein schlichter, frommer, tatkräftiger und gerechter Mann, ging sofort mit Gewalt gegen die Raubritter vor. Sie lachten anfangs über den armen Grafen, aber bald sahen sie ein, dass mit ihm nicht zu spaßen war. Er brach ihre Raubnester und zerstörte sie. Die Gefangenen wurden unbarmherzig am nächsten Baum aufgeknüpft, denn er meinte: Menschen, die die ritterliche Ehre in den Schmutz treten, sind keine Edelleute, sondern gemeine Spitzbuben und Räuber. Das zeigte Wirkung!

Nur einer unter den Fürsten, der mächtige Böhmenkönig Ottokar, der neben Böhmen und Mähren auch Österreich, die Steiermark, Kärnten und Krain besaß, weigerte sich, Rudolf als König anzuerkennen. Es kam schließlich zu einer großen Schlacht auf dem Marchfeld bei Wien, bei dem Ottokar ums Leben kam. Sein Sohn durfte nur Böhmen und Mehren behalten, die anderen Länder gab Rudolf seinen Söhnen. So stärkte Rudolf die Macht seines Hauses und seine Königliche Macht.

Das wiederum gefiel den deutschen Fürsten nicht, denn sie sorgten sich um ihre Selbständigkeit. Deshalb wählten sie nach Rudolfs Tod nicht seinen Sohn, sondern wieder einen kleinen machtlosen Grafen zum König. Sie wollten damit zeigen, dass es für das Königtum, anders wie in benachbarten Ländern, z.B. den Windsors in England, kein Erbrecht gab, sondern dass sie die Krone zu verleihen hatten. So blieb es auch in Zukunft. Die eigentlichen Herren in Deutschland waren demnach die Fürsten und nicht der König. Bei der Wahl hatten nicht einmal alle Fürsten mitzureden. Einige wenige von ihnen brachten es fertig, dass sie allein als Wahlfürsten angesehen wurden. Wählen heißt in der altdeutschen Sprache küren, und deshalb erhielten diese Fürsten den Namen „Kurfürsten“.

Insgesamt waren es sieben Kurfürsten: Die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier, der Pfalzgraf am Rhein, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg und der König von Böhmen. In einer großen Urkunde, der „Goldenen Bulle“ wurde ihr Wahlvorrecht von Kaiser Karl IV, feierlich anerkannt. Einer von diesen sieben Kurfürsten, der ehemalige Markgraf Albrecht Achilles von Ansbach und Bayreuth und spätere Markgraf von Brandenburg war es, dem wir wegen seiner Fehde mit der Stadt Nürnberg letzten Endes mit größter Wahrscheinlichkeit die Wehranlage in Hannberg „verdanken“. Er starb in Frankfurt am Main im Jahre 1486, und genau diese Jahreszahl ist auf der Südseite des Hannberger Kirchturms  eingemeißelt.

Die Fehde, ein erlaubtes Mittel der Selbsthilfe im Mittelalter

Albrecht Achilles mit Ehefrau

Albrecht Achilles mit Ehefrau

Das mittelalterliche Wort Fehde bezeichnet so viel wie Feindschaft. Man bezeichnete damit das Recht eines freien Mannes, auf dem Wege der Selbsthilfe verletztes Recht wiederherzustellen. Eine Fehde musste nach ritterlichen Regeln ablaufen. So musste sie z.B. drei Tage vor Beginn der Streitigkeiten durch einen Brief, den Fehdenbrief angekündigt werden. Nach der gewaltsamen Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts wurde sie durch einen Eid abgeschlossen, in dem der Verzicht auf weitere Rache ausgesprochen wurde. Diesen Vorgang nannte man „Urfehde“ schwören. Die deutschen Kaiser taten sich schwer, die ständigen Kämpfe der kleinen und kleinsten Machtträger etwas einzuschränken. Die Erkenntnis, dass das Volksvermögen durch die ständigen Kämpfe unerträglich geschmälert wurde, zwang die Kaiser, einen „Landfrieden“ durchzusetzen. Endgültig beseitigt wurde das Fehderecht durch den „Ewigen Reichsfrieden“, den Kaiser Maximilian I. auf dem Wormser Reichstag 1495 verkündete. Maximilian I. war übrigens der erste deutsche König, der mit Zustimmung des Papstes in Trient ohne Krönung den Kaisertitel des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ annahm. An ihn erinnert das eindrucksvolle, unvollendete Maximiliansgrab, „die schwarzen Männer“, 28 Bronzestandbilder in der Hofkirche zu Innsbruck. Seine letzte Ruhestätte fand er in Wiener Neustadt. Zum König gewählt hatte man Maximilian I. im Jahre 1486, wiederum die Jahreszahl an der Südseite unseres Kirchturms.

Der Markgraf Albrecht Achilles von Ansbach und Kulmbach-Bayreuth war neben Ludwig dem Reichen von Bayern-Landshut der mächtigste Fürst im Reiche. Der hochstrebende, ehrgeizige und tapfere Ritter war ein erbitterter Gegner der Städte. Er wollte seinen Ansbacher und Bayreuther Besitz zu einem Herzogtum Franken erweitern. Die freie Reichsstadt Nürnberg war ihm bei seinen Bestrebungen im Wege. Auf dem Verhandlungsweg konnte der Streit nicht geschlichtet werden. Deswegen sandte er dem Rat der Stadt Nürnberg am 25.Juni 1449 den Fehdebrief. Beide Seiten suchten sich nun zu schädigen durch Verwüstung des flachen Landes und durch Viehraub, ein ausgesprochener Kleinkrieg. Dr. Eduard Rühl schreibt darüber in seiner Kulturkunde des Regnitzgaues auf Seite 45: „Der Viehraub im großen wurde ein wichtiger Faktor der Ernährungspolitik, besonders die Stadt Nürnberg mit ihrer verhältnismäßig großen Einwohnerzahl war auf ihn in Kriegszeiten angewiesen. Am 11. August 1449 verbrannten die Nürnberger 18 Dörfer und brachten 2000 Haupt Vieh mit nach Hause, am 20.August werden 14, am 25. August wieder 14 Dörfer in Asche gelegt. Am 20. September können die Nürnberger wieder an 2000 Haupt Beutevieh eintreiben. In 14 Tagen allein 46 zerstörte Dörfer, das spricht für sich“.

Der Markgraf Albrecht Achilles blieb natürlich die entsprechende Antwort nicht schuldig, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen verbrannte er allein in unserer Gebiet die Dörfer Bruck, Eltersdorf, Vach, Neunhof, Kraftshof, Buch, Kalchreuth, Heroldsberg und das Städtchen Gräfenberg.

Welche der beiden „fehdeführenden“ Parteien war nun für Zerstörungen im  Seebachgrund „zuständig?“ Da das Amt Büchenbach, zu dem auch der Seebachgrund gehörte, unter dem Schutze der Markgrafen stand, kamen die Nürnberger. In den Chroniken der deutschen Städte, Nürnberg, Band II, berichtet der nürnbergische Feldhauptmann Erhard Schürstab mit peinlicher Genauigkeit über die Unternehmungen der Nürnberger im sogenannten ersten Markgrafenkrieg. Im Juli 1449 kamen sie zum ersten Mal in den Seebachgrund. Im Bericht von der Zerstörung heißt es:

„Item darnach rait her Reuß von BlaWen, der von Nürnberg haubtmann hie aus mit 1 geraisigen Pferden an die Seebach und brant gar vil Dörfer ab, auch brant er das sloß der Neuenburg (Neuenbürg) aus und brant das sloß zu Weißendorf aus und bracht einen großen raub von vihe.“

Auf Seite 157 wird uns die Einnahme des befestigten Kirchhofs von Büchenbach bei Erlangen mitgeteilt:

„9.August,. . .zu mittag luffen hie bei 80 Fußgengel aus und stürmten den Kirchoff zu Püchenbach bei Bruck und namen groß traid (viel Getreide) heraus und allerlei, daß sie wol geladen prachten 9 wegen (Wagen) und vihe (Vieh) und vil pawern (Bauern).“

Immer wieder wurde durch die Streifzüge der Nürnberger Vieh geraubt, Äcker verwüstet und Häuser in Brand gesteckt. Am 12. Dezember erschienen sie erneut. Im Bericht dazu heißt es:

„Auch an demselben Freitag des nachtz waren etlich fußgengel hie ausgegangen und brachten einen raub küe, hetten sie genommen zu Sebach an der Sebach gelegen (Großenseebach)“.

Bei all diesen Streifzügen wurde nicht nur ein Dorf geplündert, sondern alle die am Wege lagen. Die Nürnberger fielen im April 1450 zum letzten Mal in den Seebachgrund ein. Wieder war ihr Weg gezeichnet von Brand und Raub. Dabei sollen sie 50 Kühe und 20 Schweine mit fort geschleppt haben. Wenn man diese Berichte liest, kann man verstehen, dass den Bauern die Arbeit keinen Spaß mehr machte. Mühen und Plagen waren vergeblich, sinnlos, weil entweder alles zerstört oder geraubt wurde.

Aber auch die Grundherren, ob weltlich oder geistlich, waren nicht ungeschoren davongekommen. Schloss Neuenbürg und Schloss Weisendorf hatten die Nürnberger ausgebrannt, die Wehrkirche Büchenbach eingenommen und geplündert. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist“, steht zwar schon in der Bibel, aber „Wo nichts ist, hat der Kaiser das Recht verloren“, weiß man im Volk. Wie sollten die Bauern Abgaben entrichten, wenn sie selbst nichts mehr hatten? Einem Nackten kann man nicht in die Tasche greifen.

Zwei Bischöfe und der Rat der Stadt Nürnberg hatten in Hannberg „das Sagen“

Entsprechend der Inschrift auf dem Kiliansbrunnen in Herzogenaurach soll an dieser Stelle der Heiliger Kilian, ein irischer Glaubensbote, im Jahre 686 Bewohner unserer Gegend getauft haben. Demzufolge gehörte unser Bereich bis zur Säkularisierung 1803, also mehr als tausend Jahre zu den 741 gegründeten Bistümern Würzburg, unterstand somit kirchlich dem jeweiligen Bischof von Würzburg. Christlich betreut wurde unsere Umgebung von dem bereits im 8. Jahrhundert urkundlich erwähnten Königsgut Büchenbach, das auf einer Anhöhe wenige Kilometer von der Regnitz entfernt am Schnittpunkt der Regnitzuferstraße mit der Hochstraße von Windsheim her entstanden war. Zu den Aufgaben der Büchenbacher Urpfarrei gehörte die Betreuung von 30 westlich gelegenen Orten. So ist in den ältesten vorhandenen Aufzeichnungen der Büchenbacher Kirchenbücher aus dem Jahre 1348 festgehalten, dass der Büchenbacher Pfarrer selbst und in der Kapelle zu Hannberg Messen zu lesen hatte.

Wenige Jahre nach der „Albrechtinischen Fehde“, dem 1. Markgrafenkrieg, stiftete ausgerechnet ein Nürnberger Patrizier, Johann Igeltaler, 1461  auf dem Katharinenaltar zu Hannberg im Pfarrsprengel Büchenbach eine Frühmesse, für welche er das Patronatsrecht der Reichsstadt Nürnberg übertrug. Igelthaler hatte zu diesem Zweck einen Hof in Oberlindach gekauft, von dessen Erträgnissen ein eigener „Frühmesser“, also ein Geistlicher, der jeden Morgen eine Messe in der Hannberger Kapelle zu lesen hatte, bezahlt werden sollte.

Wir wissen nicht, was Igelthaler zu dieser Stiftung bewegte. Hatte er als Nürnberger Patrizier ein schlechtes Gewissen wegen der Verwüstungen im Seebachgrund durch Nürnberger Söldner während des „1. Markgrafenkrieges“ oder war es der Gedanke, durch ein gutes Werk auf Erden für das Leben im Jenseits bereits einiges getan zu haben? Jedenfalls war er christlich und sozial eingestellt und hat sich unbestreitbar für die Ortschaften unserer Pfarrei Verdienste erworben. Er hätte es eigentlich verdient, dass eine Strafe oder ein Weg bei uns seinen Namen trägt. Im benachbarten Dechsendorf hat man z.B. nach dem Stifter der dortigen Kapelle und der Schule, Freiherr Faust von Stromberg, eine Strafe benannt, und in Herzogenaurach erinnert an den Stifter des Spitals, dem Nürnberger Bürger Cuntz Reyther, die Reytherstraße. „Nichts wird langsamer vergessen als eine Beleidigung und nichts eher als eine Wohltat“, stellte schon Martin Luther fest. Aber was nicht ist, konnte ja noch werden. Vielleicht gibt es noch einmal in der Pfarrei Hannberg eine Igelthalerstraße bzw. einen Igelthalerweg.

Einige Gedanken zum Patronatsrecht! Igeltaler hatte es entsprechend dem Motto „Wer zahlt, schafft an“ dem Rat der Stadt Nürnberg übertragen. Es war stets das vornehmste Recht des Patronatsherrn, einen verbindlichen Vorschlag für die Besetzung der Pfarrerstelle zu machen, also das entscheidende Wort zu sprechen, wer Pfarrer wird. Mit dem Patronatsrecht verbunden war in der Regel auch die alleinige Nutzung der „Patronatsloge“ in der Kirche.

Mit der Übertragung des Patronatsrechtes an den Bürgermeister und den Rat der Stadt Nürnberg hatte Igelthaler sicherlich ungewollt einen Konfliktstoff, einen „Zankapfel“ geschaffen. Er konnte ja nicht ahnen, dass ein halbes Jahrhundert später die Reformation einsetzen würde mit dem Ergebnis, dass der Rat der Stadt Nürnberg einen evangelischen Pfarrer in Hannberg einsetzte. Aber der Glaube der Hannberger und der eingepfarrten Ortschaften war solide und fest gewachsen. Der vom Nürnberger Rat eingesetzte evangelische Pfarrer wurde nicht anerkannt. Sie blieben dem alten, katholischen Glauben treu. Diese Entscheidung der Bewohner unserer Ortschaften hing aber zusammen mit dem Grundherrn unserer Dörfer, dem Domkapitel zu Bamberg.  Es hatte am 18. Mai 1524 beschlossen, die Besitzer von Oblei und Fragment Hannberg sollten „ihren Bauern“ verbieten, einen „entloffenen Mönchen“ zum Prediger anzunehmen“.

Es mag zunächst als besonders merkwürdig erscheinen, dass das Domkapitel Bamberg Grundherr in der zum Bistum Würzburg gehörenden Pfarrei Hannberg war. Um das zu verstehen, muss man sich mit der Geschichte des Bistums Bamberg befassen. Kaiser Heinrich II. gründete „sein Bistum Bamberg“ gegen den Willen der Bischöfe von Würzburg und Eichstätt im Jahre 1007 und stattete es als wirtschaftliche Grundlage mit zahlreichem Reichsbesitz aus. Darunter befanden sich eben Obleien aus dem Seebachgrund. Schon vor der Gründung des Bistums Bamberg waren Schenkungen Kaiser Heinrichs II. an Klöster erfolgt. Interessanterweise tauchen z.B. die heutigen Städte Erlangen und Herzogenaurach als Orte in der damaligen Schreibweise erstmalig in einer Schenkungsurkunde Kaiser Heinrichs II. im Jahre 1002 auf, konnten also im Jahre 2002 ihre tausendjährige Existenz nachweisen.

An diese Zeit erinnern auch die Bezeichnungen „Großer Bischofsweiher“ und „Oberer Bischofsweiher“ in Dechsendorf, die seit 1972 in die Stadt Erlangen eingemeindet wurde. Oberlehrer Ferdinand Veit, der um 1950 in Dechsendorf wirkte, schreibt dazu in  seinen heimatkundlichen Aufzeichnungen: „Die alten Kirchenherren waren bestimmt keine Kostverächter, und es ist noch in Dechsendorf in recht lebendiger Erinnerung, dass jeden Freitag ein reitender Bote einen Korb voller Karpfen oder Hechte zur bischöflichen  Tafel nach Bamberg bringen musste“. „Niemand kann zwei Herren dienen“, heißt es zwar in der Bibel, aber in unserem Fall, der Pfarrei Hannberg um 1500, klappte es mit den beiden Bischöfen in Würzburg und Bamberg sogar noch mehr als 5 Jahrhunderte lang ganz gut, weil jeder von beiden seine ganz bestimmte Aufgabe hatte. Würzburg war zuständig für alles, was mit dem christlichen Glauben zusammenhing, der Einsetzung der Geistlichen, der Firmung usw., während Bamberg als Grundherr für Steuern und Abgaben, dem Zehent zuständig war. So lebten eben unsere Vorfahren in Anlehnung an das Bibelwort: „ Gebt dem Kaiser (den Bambergern), was des Kaisers ist und Gott (den Würzburgern), was Gottes ist.

Wer hatte ein Interesse an der Errichtung der Wehrkirche?

Was nun der Bau der Kirchenfestung nach der Albrechtinischen Fehde anbetrifft, so dürfte es vermutlich Zustimmung von allen Beteiligten  gegeben  haben.

Die Bevölkerung wird an einer Schutzeinrichtung und wirkungsvollen Verteidigungsanlage in unsicherer Zeiten sehr interessiert gewesen sein, denn wer möchte schon gerne ausgeraubt, geschlagen, verletzt oder gar ‚zu Tode gemartert, ermordet werden. Im ersten Drittel des 20. Jahrhundert hat man ja auch vorsorglich Luftschutzkeller für die Bevölkerung errichtet.

In Würzburg wusste man, dass die 1348 erwähnte Kapelle in Hannberg für die zwischenzeitlich angestiegene Zahl der Gläubigen längst zu klein geworden war und somit der Bau einer größeren Kirche  anstand.

Die Domherren in Bamberg wussten genau, dass sie nicht in der Lage waren, ihre Untertanen und Steuerzahler im Bedarfsfalle zu schützen. Hilfe zur Selbsthilfe, eine wirksame Schutz- und Verteidigungsanlage schien die einzig mögliche, die optimale Lösung des Problems zu sein.

Ob der Patronatsherr, die Stadt Nürnberg auch ihr Scherflein zum Bau der Anlage beigetragen hat? Der Verdacht liegt nahe; denn nach Tilmann Breuer wird dem Nürnberger Stadtbaumeister Hans Behaim, dem Älteren, dem Erbauer der großartigen Wehranlage in Hannberg zugeschrieben.

Die Erbauung der Wehranlage

16_Plan_Kirchenumbau_genau„Es gibt viel zu tun, packen wir es an“, dürfte damals die Losung in Hannberg und den zur Pfarrei gehörenden Ortschaften Ober-, Mittel und Untermembach, Groß- und Kleindechsendorf, Heßdorf, Röhrach, Großenseebach, Niederlindach, Dannberg, Klebheim und Hesselberg gewesen sein.

Woher kam das Baumaterial, die Unmenge von zurechtgeschlagenen Sandsteinquadern? Wir wissen es nicht, können nur vermuten. Es muss jedenfalls aus der näheren Umgebung stammen; denn die Transportwege waren unbefestigte Wege. Die Transportmittel bestanden seinerzeit aus primitiven Wagen mit Holzrädern, gezogen von Pferden, Ochsen oder Kühen.

Meines Erachtens könnte das Baumaterial, der Sandstein, aus dem ca. 5 km entfernten Sandsteinbruch in Dechsendorf am Gießberg neben dem Großen Bischofsweiher stammen. Es muss eine größere Anzahl von Hilfskräften und Steinmetzen gewesen sein, die über Jahre hindurch die gefährliche und schwere körperliche Arbeit leisteten, denn die Steine mussten erst gebrochen, dann von Steinmetzen zurechtgeschlagen und über dem Schwerpunkt links und rechts mit je einem Loch versehen werden. In diese Vertiefungen konnten dann Steinzangen eingreifen, mit deren Hilfe die schweren Quader auf- und abgeladen werden konnten. Die meisten Sandsteinblöcke mussten dann auf der Baustelle in Hannberg mit Hilfe eines Flaschenzuges noch in die entsprechende Höhe gebracht werden.

Jeder Steinmetz versah die von ihm zurechtgeschlagenen Sandsteine mit „seinem“ Steinmetzzeichen als Nachweis für die geleistete Arbeit und den Anspruch auf den entsprechenden Lohn.

Im Erlanger Heimatblatt von 1926, Nr. 23 ist zu lesen: „An der Befestigung wurden insgesamt 53 Steinmetzzeichen festgestellt und zwar 27 mal ein liegendes T mit schräggestellten Querbalken, 12 verschiedene Zeichen und 14 mal die Signatur HL ligiert, meist voll, mitunter aber auch in Fragmenten. Die gleiche Signatur HL ligiert weist auch die Rote Marter bei Kosbach (nach mehrmaliger Zerstörung jetzt beim Kosbacher Stadel) auf. Der Handwerksmann muss also in der Nähe von Hannberg zu suchen sein und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es vielleicht der Vater von Hans Haidt zu Dechsendorf ist, der sich auf den beiden Hannberger Martern von 1576 ausdrücklich als deren „Verfertiger“ bezeichnet.“

Wie sah die fertiggestellte Wehrkirche aus?

Wehrkirche Hannberg (von 1929)

Wehrkirche Hannberg (von 1929)

Leider hat man bis zum heutigen Tage weder Plan noch Zeichnung oder ein Bild der etwa um 1500 fertiggestellten Kirchenfestung gefunden. Deswegen ist man auch in  Bezug auf das Aussehen der fertiggestellten Anlage auf Vermutungen angewiesen.

Was meinen Heimatforscher zur Wehranlage in Hannberg?

Dr. Eduard Rühl schreibt 1931 in seinem Buch „Kulturkunde des Regnitztales über Typus II, Wehrmauer mit Eck- und Mauertürmen u.a. „Dieser Typ, der in der Hauptsache dem ausgehenden Mittelalter (15. Jahrhundert) angehört, zeigt zunächst im Gegensatz zu Typus I (Wehrmauer ohne Türme), einen gedeckten Wehrgang nach dem Muster der Stadtbefestigung. Außerdem ist die Mauer verstärkt durch meist runde Ecktürme, auch in lange Mauerstrecken sind Türme eingeschoben. Von diesem II. Typus haben sich drei Beispiele besonders gut erhalten, Hannberg (B.=A Höchstadt), wo allerdings in den 70er Jahren der Wehrgang für den Schulhausbau abgetragen wurde, Effeltrich (B.A. Forchheim) mit etwa 10 m erhaltenem Wehrgang und die fast unversehrte Anlage von Kraftshof (Nürnberg)“.

Der Typus II bedeutet einen wesentlichen Fortschritt, denn die vorspringenden Eck- und Mauertürme gestatten eine seitliche Verteidigung der angegriffenen Mauer und besonders gefährdeterer Punkte. Die Türme weisen bis zu vier Reihen Schießscharten übereinander auf (Hannberg), hatten also eine nicht unerhebliche Gefechtskraft. In Hannberg sind die Türme nur von einer Einsteigöffnung in Höhe des Wehrganges zugänglich. Diese Türme bildeten also eine Art  Berchfrit für sich, sie haben auch Schießscharten nach innen (bis zu 27 Scharten).

Der Zugang zum Wehrgang erfolgte bei I. und II. durch einfache aus der Mauer herauswachsende Steinstufen“.

Zusammenfassend schreibt Dr. Rühl über Hannberg, (B.=A. Höchstadt): „Mauerring vollständig erhalten, Wehrgang zu Gunsten eines Schulhausneubaues in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts (1879, die Redaktion) abgetragen. Drei runde und ein viereckiger Mauerturm. Ein zweigeschossiger viereckiger Bau an der Südseite wohl Karner und Wehrbau zugleich (vgl. Bruck). Das alte Torhaus später verändert. Chorturm, Fünfknopf. Im Untergeschoss der Ostseite gekuppelte Schlitzfenster. Auch an der Nordseite des Langhauses haben sich neben den neueren, einige der alten Schlitzfenster erhalten“.

Im Jahre 1977 erschien der Schnell-Kunstführer Nr. 1001 „Wehrkirche Hannberg“. Nun die dortige Baubeschreibung der Befestigungsanlage!

„Die Kirchenburg stellt – neben dem neben dem nahem Effeltrich (vgl. Führer Nr. 1081) – eine der großartigsten und am besten erhaltenen Wehrkirchenanlagen Frankens, ja Deutschlands dar. Auf leicht hügeliger Erhöhung wird ein regelmäßig-rechteckiger Festungsplatz von einer gewaltigen Ringmauer aus Buckelquadern und mit Schlüsselöffnungen umfasst. 5 Türme verstärken diese Mauer, 3 runde und 2 viereckige: In der Mitte der nördlichen Längsseite ein Rundturm, in der Nordost- und Südostecke je ein runder Eckturm, in der mittleren östlichen Schmalseite ein Rechteckturm sowie in der Mitte der südlichen Längsseite ein Rechteckturm, welcher im Erdgeschoss die Ölbergkapelle aufnimmt. Die Befestigungsanlage war ehedem von einem Wassergraben umgeben (vgl. die anschauliche Zeichnung des Burgenforschers Dipl. Ing. W. Meyer in H. Brunner und a. von Reitzenstein: Bayern. Baudenkmale, S. 336 f). Im wesentlichen Teil der Südseite und auf der ganzen Westseite legte sich ehedem und legen sich zum großen Teil noch heute schmale Wohn- und Lagergebäude von innen an die Ringmauer. In dieser Weise war auch das alte Pfarrhaus erbaut, bevor an diese Stelle, um 90 Grad versetzt, 1710 das heute noch erhaltene, erheblich größere Pfarrhaus gesetzt wurde. Die gegen den Kirchhof gerichteten Fassaden der sich an die Ummauerung legenden Bauten sind im Obergeschoss aus Fachwerk gebildet, wie auch das Pfarrhaus reiche Fachwerkfassaden zeigen. Zugang erhält die Anlage durch ein in die Mauerverlauf eingepasstes Torhaus, das aus einem sich ehedem nur von innen an die Ummauerung lehnenden Fachwerkteil und einer im 1. Drittel des 18. Jahrhundert errichteten Erweiterung nach Westen besteht. Diese Anlage des Barock erweiterten Torhauses zeigt an, dass damals, d.h. in der 1. Hälfte des 18. Jahrhundert, der die Kirchenburg umgebende Wassergraben zugeschüttet worden und dabei auch die zum früheren kleineren Torhaus führende Zugbrücke in Abgang gekommen sein dürfte.“

Auch Klaus-Peter Gäbelein beschreibt 1986 in der Festschrift zum 500-jährigen Bestehen der Wehrkirche und im Kurzführer von 1992 die Wehranlage entsprechend  den vorgehenden Darstellungen. Kurz ausgedrückt: Alle sind sich einig, dass die Wehrkirche Hannberg eine übliche mittelalterliche Befestigungsanlage ist mit allem, was eben dazugehört. Was man nicht mehr vorfindet, z.B. Wehrgang, Wassergraben und Zugbrücke ist „in Abgang gekommen“.

Die Wehrkirche Hannberg, eine neuzeitliche Wehranlage?

Wehrturm Nordseite mit Schießscharten

Wehrturm Nordseite mit Schießscharten

Was spricht gegen die bisherige Darstellung der Wehranlage? Denken wir doch an die Albrechtinische Fehde im Jahre 1449, die der Jahreszahl 1486 auf dem Hannberger Kirchturm vorhergegangen war. Alle Menschen, ob leibeigene Bauern oder Adelige mussten erkennen, dass die bisherigen mittelalterlichen Verteidigungsanlagen überholt waren. Die Bewohner des Seebachgrundes mussten ebenso wie die Grundherren in Bamberg erleben, dass Schloss Neuenbürg ebenso wie das Schloss Weisendorf von den Nürnbergern niedergebrannt und am 9. August 1449 „der Kirchoff zu Püchenbach bei Bruck gestürmt“ wurde. Die große Frage: Wie könnte und sollte man sich in Zukunft schützen? Allen war klar, dass man letzten Endes das Eindringen des Feindes in eine konventionelle Befestigungsanlage zwar verzögern, aber kaum mehr verhindern konnte. Also musste man notgedrungen neue Verteidigungsmaßnahmen ersinnen, planen und beim Bau der neuen Wehranlage berücksichtigen.

Verzichten konnte man in Hannberg von vorneherein auf den Graben um die Befestigungsanlage, ob leer oder mit Wasser gefüllt; denn er hatte bei der Verteidigung der Wehrkirche Büchenbach letzten Endes „leer“ nichts gebracht und mit Wasser gefüllt auch weder in Neuenbürg noch in Weisendorf die Einnahme und Zerstörung verhindern können. Außerdem hätte man in Hannberg, das wie der Name schon sagt auf einem Berg liegt, den Graben kaum mit Wasser füllen können. Also erspart man sich diese mühselige, zeit- und kräfteraubende und letzten Endes wenig sinnvolle Arbeit von vorneherein.

Die Gesamtkonzeption der Wehranlage lässt sich auch heute noch erahnen, obwohl in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vor allem an der West- und Südseite Umbauten für ein Schulhaus und ein neues Pfarrhaus vorgenommen wurden und im 19. Jahrhundert an der Nordseite von der Mauer 4 Steinlagen für den Bau eines neuen Schulhauses abgetragen wurden. Ergänzt man folgerichtig die noch vorhandene Bausubstanz, so kommt man zu dem Ergebnis, dass drei Türme auf der Westseite fehlen. Etwas vereinfacht könnte man sich die Anlage wie ein Kegelspiel vorstellen: dem König entspricht der Kirchturm in der Mitte, den übrigen acht Kegeln entsprechen die Mauertürme. Das besondere an der Anordnung der Türme ist, dass sie nach außen und innen aus der Mauer hervorragen. Durch die Anordnung der Schießscharten in den Türmen parallel zur Mauer konnte die Mauer nach außen und innen wirkungsvoll verteidigt werden. Sollte es wider Erwarten trotzdem einem Angreifer gelungen sein, von außen die Mauer unverletzt zu erklimmen, so hätte er auf der Innenseite entsprechend der Mauerhöhe 5-6 m in die Tiefe springen müssen. Auf der Innenseite der Mauer am Boden wäre der durch den Sturz wahrscheinlich verletzte Feind ein leichtes Ziel für die Turmschützen durch die in etwa 1 m Höhe über dem Boden eingebauten Schießscharten parallel zur Mauer geworden. denn ein Wehrgang, auf dem er hätte Fuß fassen können, war ja nicht notwendig und nicht vorhanden.

Vom Sinn und Zweck eines Wehrganges

Warum kann ein Wehrgang, von dem alle bisherigen Veröffentlichungen berichten, in Hannberg von vorneherein nicht notwendig, geplant und auch nicht vorhanden gewesen sein?

Wehrgänge und Reste von ihnen finden wir bei mittelalterlichen Befestigungsanlagen an langen Befestigungsmauern mit Zinnen, einem „zahnartigen“ Mauerabschluss, oder Schießscharten in den Mauern in kürzeren Abständen. Beide Einrichtungen dienten Abwehrmaßnahmen, die von der Mauer aus erfolgten. Sie bezweckten vornehmlich den Schutz der Verteidiger vor Bogen- und Armbrustschützen der Belagerer. In der Wehrmauer der Hannberger Anlage findet man nirgends Schießscharten oder Zinnen.

Wehrmauern mit innenliegenden Wehrgang hatten für Belagerer dazu den Vorteil, dass sie nach dem Erklimmen der Mauer von außen auf der Innenseite der Mauer oben den Wehrgang vorfanden, also je nach Bauart des Wehrganges, Holz- oder Steinboden unter den Füßen hatten. Eine wirkungsvolle Verteidigung gab es nicht mehr. Die Verteidiger wurden niedergemacht und die Festung war eingenommen, wie man anschaulich in dem schwarz-weißen Film „Erstürmung einer mittelalterlichen Stadt“ sehen kann. Die Belagerer konnten nun ungehindert durch das von innen geöffnete Tor in die Festung einziehen, plündern, rauben und morden nach Herzenslust und die Überlebenden versklaven.

Wie verhält es sich nun in Hannberg mit dem von Dr. Rühl angeführten Wehrgang, der in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts zu Gunsten eines Schulhausneubaues abgetragen wurde?

Eine spätere ruhigere Zeit hat die funktionslos gewordene Wehrmauer mit ihren Türmen tatsächlich als Steinbruch benutzt. Die Abbrucharbeiten kann man besonders gut an der Nordseite der Anlage zwischen Pfarrhaus und dem benachbarten Rundturm erkennen. Es war aber nicht der (niemals vorhandene) Wehrgang, der daran glauben musste, sondern es waren etwa zwei Steinreihen an der Nord- und Ostseite bis zum mittleren rechteckigen Turm. Darüber existiert zwar kein schriftlicher Bericht, aber es dürfte sich wahrscheinlich so zugetragen haben: Die oberen drei Steinlagen wurden damals beim Bau nicht rechtwinklig, sondern schräg von den Steinmetzen zurechtgeschlagen. Zum Bau des neuen Schulhauses benötigte man aber rechtwinkelig zurechtgeschlagene Sandsteinblöcke. Deswegen trug man die drei schrägen oberen Steinlagen kurzzeitig ab, entfernten die zwei darunter liegenden rechteckig zurechtgeschlagenen Steinreihen und setzte anschließend die nicht verwendbaren drei schrägen Steinlagen wieder auf die Restmaure.

Wie hoch die Mauer einst tatsächlich war, kann man an den Ansatzstellen oben bei den Türmen noch erkennen. Im 1878/79 gebauten und 1901 erweiterten Hannberger Schulhaus Nr. 16 finden sich diese Wehrmauerabbruchsteine im Sockel und an den Ecken des Gebäudes. Der grundlegende Unterschied der Hannberger Wehranlage gegenüber üblichen mittelalterlichen Befestigungen besteht darin, dass nicht die Wehrmauer Hauptträger der Verteidigung ist, die Türme sind es.

Beschaffung der Wehrtürme

Messnerturm (Ölberg)

Messnerturm (Ölberg)

Schon Dr. Rühl hat in seiner „Kulturkunde des Regnitzgaues“ vermerkt, dass die Türme „nur von einer Einsteigöffnung in der Höhe des (von ihm vermuteten) Wehrgangs zugänglich sind. Diese Türme bildeten also eine Art „Berchfrit“ für sich, hatten auch Schießscharten nach innen (bis zu 27 Scharten)“.

Dazu wäre zu vermerken, dass in einer späteren Zeit unten jeweils ein Zugang ins Turminnere geschaffen wurde, um sie als Abstellräume bzw. einen Votivraum für Votivgaben der zahlreichen Wallfahrer, deren Gebet erhört wurde, zu verwenden. Als Bergfried bezeichnet man in der Regel den Hauptturm einer Burg. Freistehend im Inneren der Burg oder an die Burgmauer gelehnt, bot er den Verteidigern einen wehrhaften Standpunkt, schützte die übrigen Burgbauten und diente den Belagerern als letzter Rückzugsort.

Die jeweiligen Einstiegsöffnungen der Hannberger Mauertürme liegen nicht in einer Ebene. Sie sind verschieden hoch über der Erde. Schon allein deswegen wäre ein Wehrgang, der normalerweise waagrecht verläuft, also von Turm zu Turm nicht steigt bzw. fällt, in Hannberg als unwahrscheinlich.

Betrachten wir uns als Beispiel für alle anderen Mauertürme den Rundturm an der Nordseite neben dem Pfarrhaus genauer, weil er mit seinen Schießscharten in vier Etagennach innen den Besuchern besonders auffällt. Vor den eigenen Leuten, die sich seinerzeit schutzsuchend ins Innere der Kirche begaben, hatten die Verteidiger im Turm bestimmt keine Angst, aber dem eventuell eingedrungenen Feind konnten sie das Leben schwer machen bzw. sogar nehmen, falls er den Versuch anstellen sollte, das Kirchentor aufzubrechen.

Man kann einwenden, dass das Kirchentor nicht im Schussbereich dieses Turmes liegt. Das stimmt jetzt, aber man darf nicht vergessen, dass das Kirchenschiff bis zur Erweiterung im Jahr 1721 kürzer war. Unten, am Sockel der Kirche kann man die Verlängerung der Kirche genau erkennen.

Eigentlich müsste auch ein Mauerturm auf der gegenüberliegenden Südseite vorhanden gewesen sein. Der „Ölbergturm“ kann es nicht gewesen sein, denn alle Mauertürme ragen nach innen und außen wegen der Verteidigung aus der Mauer hervor. Bei diesem Bauwerk dürfte es sich vielmehr um die bereits vor 1348 urkundlich erwähnte Kapelle handeln. Deutliche Hinweise sind der Weihwasserkessel vor der Eingangstür, der Altar, das aus Sandstein gefertigte Rundbogengewölbe, die Größe des ehedem verputzten Raumes und das Türmchen mit der Glocke.

Beim Bau der Wehranlage hat man die einst mühselig errichtete Kapelle nicht abgerissen, sondern geschickt in die neue Anlage integriert. Überreste dieses fehlenden, 1745 zum ersten Schulhaus umgebauten Wehrturmes kann jeder Laie an der Außenseite der Südmauer erkennen, und zwar dort, wo das verputzte Mauerwerk der alten Schule endet und die unverputzte Wehrmauer beginnt.

Bemerkenswert ist, dass alle Einsteigöffnungen zu den Mauertürmen oben eine rechteckige Aussparung aufweisen. Vermutlich ragte hier ein waagrechter Balken mit einer festen Rolle heraus. So war es möglich, alles, was eine Turmbesatzung an Proviant, Wasser und Waffen benötigte, bequem in den Turm zu schaffen, denn die Turmbesatzungen selbst dürften in den Turm nur mit Hilfe einer Strickleiter gekommen sein.

Im Inneren des Turmes neben dem Pfarrhaus kann man noch sehen, wie die Verteidiger rasch je nach Bedarf von Etage zu Etage kommen konnten. Dort steht noch heute der Mittelpfosten einer Wendeltreppe. Von den ehemals sicherlich auch an der Westseite befindlichen Mauertürmen ist nicht mehr vorhanden. Der Turm an der Nordostecke dürfte 1712 beim Bau des neuen Pfarrhauses, das ursprünglich um 90 Grad versetzt an der Innenseite der Westmauer stand, in Abgang gekommen sein.

Vom ursprünglichen Torhaus, das sicherlich besonders befestigt war, ist nur noch das Holztor mit dem Schlupfloch erhalten geblieben. Ein Hinweis auf einen 1745 im Zusammenhang mit dem Schulhausbau abgetragenen Turm könnte die mit einem Gitterrost abgedeckte Bodenöffnung links neben dem Tor sein.

Wo sich heute das Raiffeisengebäude (aktuell Firmensitzt Wegescheider, die Redaktion) erhebt, stand bis 1979 das Gasthaus Winkelmann, ehedem Gasthaus, Brauerei und Bäckerei Schmitt. Beim Abriss der einst so wichtigen Bewirtungsstätte für die ehedem zahlreichen Wallfahrer wurde unter anderem ein unterirdischer Gang zum Wehrkirchenbereich freigelegt nebst einem Gang, der eben bei dieser Gitterrostabdeckung endet.

Frau Winkelmann, die noch lebende (inzwischen gestorben, die Redaktion) ehemalige Besitzerin dieses Gasthauses weiß auch noch, dass in ihrer Jugendzeit ein schwerer Brauereilaster zwischen Gasthaus und Ortsstraße einbrach. Ein Stück eines unterirdischen Ganges in westlicher Richtung wurde auch 1958 beim Straßenbau Hannberg – Röhrach freigelegt. Er war nach einigen Metern verschüttet.

Diese unterirdischen Gangfragmente sind meines Erachtens ein Hinweis darauf, dass die Verteidiger für den schlimmsten Fall, die feindliche Einnahme der Wehranlage, vorgesorgt hatten mit einem geheimen unterirdischen Fluchtweg.

War nun die Wehranlage Hannberg die letzte mittelalterliche oder die erste neuzeitliche Verteidigungsanlage?

7_Haupteingang

Eingang Kirche (Foto 1929)

Nachdem uns über die Erbauung außer der Jahreszahl 1486 nichts überliefert ist, sind beide Ansichten unbewiesene Annahmen, d.h. jeder muss sich selbst für eine der beiden Hypothesen entscheiden. Ich selbst habe nur versucht, die noch erhaltene Bausubstanz auf meine Art zu deuten und bin der festen Überzeugung, dass die Hannberger Verteidigungsanlage gegenüber den eindeutig mittelalterlichen Wehrkirchen wie z.B. Effeltrich und Kraftshof wesentliche Verbesserungen aufweist und auch der Zeitraum der Erbauung in den Anfang der Neuzeit fällt, also eine bereits neuzeitliche Verteidigungsanlage ist.

Ob sich die für den Bau der Wehranlage aufgewendeten „Verteidigungsausgaben“ Arbeit und Kosten wohl gelohnt haben? Ist die Wehranlage in Hannberg den in sie gesetzten Erwartungen im Verteidigungsfall gerecht worden? Hat man jemals – wie vorgesehen – die in die sicheren Mauern der Anlage geflüchtete Bevölkerung der umliegenden 12 Ortschaften erfolgreich verteidigt? Wir wissen es nicht, denn auch darüber hat man bis jetzt keine schriftlichen Hinweise gefunden.

Wie ich schon eingangs erwähnte, hatte Kaiser Maximilian I im Jahre 1495 auf dem Wormser Reichstag „Ewigen Landfrieden“ verkündet, als das Fehderecht endgültig abgeschafft wurde. Von daher wäre also schon bei der Fertigstellung um 1500 die Verteidigungsanlage überflüssig gewesen, hatte Sinn und Zweck verloren. Wir Menschen des 21. Jahrhunderts wissen, dass der Kaiser damals viel zu viel versprochen hatte. Ich bin überzeugt, dass auch schon damals die Menschen diesem Frieden nicht trauten. Sie wussten, dass der Frömmste nicht in Frieden leben kann, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt, und ewiger Friede vielleicht auf dem Friedhof zu finden ist.

Jedenfalls war es schon 1525 (im Bauernkrieg, die Redaktion) mit dem „Ewigen Landfrieden“ vorbei. Der Unmut der Bauern über harte Frondienste und nahezu schrankenlose Privilegien von Adel und Geistlichkeit machten sich gewaltsam Luft. In Röttenbach ging das Wasserschloss in Flammen auf, und das Münchauracher Kloster erlitt Gebäudeschäden und Vermögensverluste – aber Hannberg, die Verteidigungsanlage der Bauern, war davon nicht betroffen. Die von den Bauern formulierte Forderung nach Freiheit vom Fischfang und Jagd, Abgabe lediglich eines „Dreißigsten“ statt eines Zehnten und Zuständigkeiten weltliche Gerichte in Schuldenprozessen mit dem Klerus blieben unerfüllt. Nach blutiger Unterdrückung des landesweiten Bauernaufstandes folgten Strafexpeditionen und noch härtere Fron.

Im zweiten Markgrafenkrieg 1552 – 1555, einer „Raubfehde“, die der ehrgeizige Marktgraf Alcibiades gegen die Mainbistümer Würzburg und Bamberg führte, wurden Aurach – und Seebachgrund sehr in Mitleidenschaft gezogen. Wir wissen, dass der Markgraf Höchstadt, Herzogenaurach und Wachenroth eroberte. Detaillierte Angaben über die Wehranlage Hannberg sind nicht bekannt. Hatte sich die Bevölkerung der umliegenden zwölf Ortschaften hinter den Wehrmauern in Sicherheit gebracht? Wurden die ungeschützten Dörfer geplündert und in Brand gesteckt? Hat man auf die Einnahme der Wehrkirche wegen zu erwartender hoher Verluste von vorneherein verzichtet? Diese Fragen sind noch ungeklärt. Jedenfalls hat dieser Markrafenkrieg das Hochstift Bamberg in einem Maße getroffen, der nur mit den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges vergleichbar ist.

In der Schlacht von Sievershausen 1557 hatte das Kriegsglück den Markgrafen Alcibiades verlassen. Er verlor und fand den Tod.

Hannberg im Dreißigjährigen Krieg

Soldat mit Hakenbüchse

Soldat mit Hakenbüchse

Zwei geschichtliche Hinweise aus dem Dreißigjährigen Krieg findet man bei Johann Looshorn, die Geschichte des Bistums Bamberg, IV. Band: Das Bistum Bamberg von 1623 – 1729, Seite 195.

„Die Heiligenmeister zu Hamberg schrieben den 31. Dezember 1631 dem Gastner zu Vorchheim, dass heute Mittwoch bei 100 Reuter wiederum als suetische in Hamberg und die Kirche daselbst geplündert, den Kelch mitgenommen und den Pfarrer übel traktirt, auf den Tod verwundet, ausgeplündert und mitgenommen haben. Sie haben ihren Weg nach Bayersdorf genommen. Sie baten um Befreiung und Rücksendung ihres Pfarrers.“

Seite 198 findet man folgendes: „Den 4. Januar 1632 schrieben  zu Herzogenaurach M. Joannes Kötzner Pfarrherr und Ruraldechant daselbst und Georg Köß, Pfarrer zu Büchenbach dem B. Johann Georg, dass ihr Mitbruder Herr Friedrich Dürrbeck  Pfarrer zu Hannberg am heiligen Neujahrsabend abermals in die Hand der Feinde gekommen, von etlichen Solmischen Reitern, deren bei 50 oder mehr gewesen, auf seinem eigenen Pfarrkirchhof gefangen und unaussprechlich unchristlich misshandelt worden ist. Wie er war haben sie ihn wie einen Hund nach Nürnberg geschleppt und von ihm abermals 130 Reichsthaler abverlangt, wie der Amtmann von Büchenbach, der jetzt zu Nürnberg sich aufhält, dem Schulmeister geschrieben hat. Ihm sind zwei Rippen entzwei geschlagen worden, er ist beim Fischer Ullrich, der selbst ihn ausgelöst hat. Auch sie sollen in der Stadt Herzogenaurach nicht sicher sein, wie ihnen gedroht wurde, da morgen sämtliches Kriegsvolk zu Ross und Fuß fortgeschickt werden soll; doch wollen sie zur Zeit nicht von ihren Pfarrern weichen“.

Geistliche allgemein hatte – wie der Pfarrer Dürrbeck in Hannberg – besonders schwer unter dem wilden Treiben des Dreißigjährigen Krieges zu leiden.

So wurde der Pfarrer von Gremsdorf am Altar niedergemetzelt, der geflüchtete Pfarrer von Schnaid einem Vogel gleich vom Baum heruntergeschossen und grässlich verstümmelt.

Warum konnte die Verteidigungsanlage der Wehrkirche Hannberg damals nicht mehr den erwarteten Schutz bieten?

Die Spuren des Dreißigjährigen Krieges blieben auf Jahrzehnte, ja manchmal für immer zurück. Felder wurden verwüstet, Klöster, Schlösser, Kirchen, Dörfer und Städte sanken in Schutt und Asche, wenn es nicht gelang, den Feind vom Plündern abzuhalten, wie es etwa der Rothenburger Bürgermeister Nusch durch seinen berühmten Meistertrunk oder die Kinderlore in Dinkelsbühl fertig brachte.

Geschichtsschreiber jener Zeit berichten uns von dem unsäglichen Elend: „Ach Gott, wie jämmerlich steht es um die Dörfer! Man wandert bei zehn Meilen und sieht keinen Menschen, nicht ein Vieh, nicht einen Sperling, wo nicht an etlichen Orten ein alter Mann oder ein paar Frauen zu finden. Die Häuser sind voll Leichname und Äser gelegen, Mann , Weib, Kinder und Gesinde, Pferde, Schweine, Kühe und Ochsen neben- und untereinander, vom Hunger und von der Pest erwürget und voll Würmer und sind von Wölfen, Hunden, Krähen und Raben gefressen worden, weil niemand gewesen, der sie begraben, beklaget und beweinet hat!“ Hungersnot war unausbleiblich. „Viele sonst vermögliche Leute die sich des Bettelns scheuten, starben Hungers. Die Teuerung wurde so groß, dass die Leute Eicheln haben mahlen lassen und Brot davon gegessen, so bitter es auch gewesen; haben auch Kleienbrot gebacken und Nesseln und Schnecken ohne Salz und Schmalz hinuntergewürgt. Ja, wenn einem Soldaten ein Pferd gestürzt, haben sich die Leute um das Aas geschlagen, auch Hunde und Katzen gegessen und sind zuletzt doch daran verstorben“.

Ein anderer Berichterstattung erzählt: „Zu dieser Zeit ging Jammer und Not an in unserem Land, da man bald nichts anderes hörte als Rauben, Morgen und Brennen. Die armen Leute wurden niedergehauen, vielen die Augen ausgestochen, Arme und Beine entzweigeschlagen, Ohren und Nasen abgeschnitten, etliche beim Feuer gebraten, im Rauchschlot aufgehängt, in den brennenden Backofen gestoßen, Kien und Schwefel unter die Nägel gesteckt und angezündet, die Daumen geschraubt, den ganzen Leib durch den Mund mit Mistwasser gefüllt, die Fußsohlen aufgeschnitten, hernach Salz hineingestreut und Riemen aus den Leibern geschnitten. Da wurde weder alt noch jung geschont, achtjährige Mägdlein und achtzigjährige Weibspersonen zu Tode gemartert, hernach in den Tod geworfen oder auf der Straße liegen gelassen“.

Aus Bamberg wird berichtet: „Durch den langen Krieg ist auch bei uns in Bamberg Not und Elend eingezogen, denn was die Leut auch vermauert und vergraben haben, ist vom Feind doch alles gefunden und die armen Einwohner haben ihre eigenen Sachen wiederum kaufen müssen. Sind sie dann nur ein wenig fortgegangen, gleich haben es ihnen andere Soldaten wieder abgenommen. Also sind manche Sachen drei- oder viermal verkauft worden. Da die Bauern weder Pferde noch Ochsen mehr hatten, so zogen bisweilen zehn bis zwölf Männer selbst und litten trotz der schweren Arbeit Hunger dabei. Als es dann warm geworden, sind sie vor Mattigkeit nur so hingefallen wie das unvernünftige Vieh und ihrer viele sind gestorben. Die armen Leute haben Kleienbrot essen müssen, wie man es den Schweinen gibt und obwohl sie es oft im Mist vergraben, hat es der Feind doch gefunden. Hernach haben gar viele Einwohner ihr Haushalten in der Gangolfer Kirche aufgeschlagen. Ist aber solches verraten worden und obgleich sie ihre armen Speise an Linsen und Wicken in die Gräber und armen Särge, ja unter Totenköpfe versteckt hatten, ist ihnen doch alles genommen worden.

Auf den Dörfern draußen, da die Häuser hinweggebrannt sind, haben die armen Leut nur in Erdlöchern und Kellern gehaust. Gar manchen Tag hat man sechs oder sieben Personen aus diesen Löchern herausgetragen, die entweder Hungers gestorben oder erfroren waren. Auch sind die armen Leut nur so auf den Gassen und Misthaufen gelegen.“

Dem Ansturm der Schweden widerstehen konnte die Stadt Kronach im Frankenwald. Weil nicht mehr genug Männer lebten, um die Stadtmauer zu verteidigen, bekämpften die Kronacher Frauen erfolgreich die Schweden von der Stadtmauer aus und bewahrten so ihre Stadt vor dem Schlimmsten, der Einnahme durch die Schweden. Zur Erinnerung gehen noch heute nach mehr als 350 Jahren bei der „Schwedenprozession“ in Kronach am Sonntag nach Fronleichnam die Frauen vor den Männern. Zwei namentlich bekannte Kronacher fielen damals in die Hände der Schweden und wurden von ihnen auf grauenhafte Weise ermordet. Die Schweden zogen ihnen bei lebendigem Leib die Haut ab und schickten sie, mit der eigenen Haut über dem Arm, in die Stadt zurück, wo sie tot zusammenbrachen. Im Stadtwappen von Kronach erinnern die „geschundenen Männer“ daran.

Aufschlussreich über die damalige Zeit in unserem Raum sind auch die Aufzeichnungen des Pfarrers Veit von Berg. Er schreibt unter anderem: „Im August 1639 übertrug mir das hohe Konsistorium die beiden Pfarreien Steppach und Oberhöchstadt, dazu wurden mir die erledigten Pfarrämter Ühlfeld, Dachsbach und Karlindach zur Verwesung übergeben und wenn ich es möglich machen könnte, so sollte ich auch noch Emskirchen und Kirchfembach versehen. Sieben Pfarreien und keine mehr besetzt, gestorben, erschossen oder zu Tode gequält. In zwei Dörfern war auch nicht eine einzige Seele zu finden…..“.

Wenn man vom Inhalt all dieser Berichte aus dem Dreißigjährigen Krieg erfahren hat, kann man selbst leicht die gestellte Frage beantworten, warum die Hannberger Wehrkirche damals nicht mehr Schutz geboten hat: es existierte zwar eine intakte Verteidigungsanlage, aber es lebten nicht mehr Verteidiger in den zwölf Dörfern unserer Pfarrei.

Quellen

  • Rühl, Eduard, Dr. „Kulturkunde des Pegnitztales und seiner Nachbargebiete“, Frankenverlag Lorenz Spindler, Nürnberg 1961
  • Meyer, Christian, Dr. „Geschichte Frankens“, G.J. Göschen’sche Verlagshandlung, Leipzig 1909
  • Pfarrarchiv Hannberg „Chronik der katholischen Pfarrei Hannberg vom Jahre 1887 mit einigen Reminiscenzen aus der früheren Zeit angefangen von Pfarrer Christian Rath
  • Schnell Kunstführer Nr. 1001, “Wehrkirche Hannberg”, Seite 4, 2. Abschnitt 1. Auflage 1977
  • Tilmann Breuer „Die Kunstdenkmäler von Oberfranken 6“: Stadt Bamberg 6. Bürgerliche Bergstadt. 2 Bände 1997
  • Gäbelein, Klaus-Peter “Die Die Geschichte der Pfarrei Hannberg” in Festschrift zur 500-Jahr-Feier der Wehrkirche “Aus der Geschichte Hannbergs und seiner Pfarrei”, 1986
  • Pfarrarchiv Hannberg „Chronik der katholischen Pfarrei Hannberg vom Jahre 1887 mit einigen Reminiscenzen aus der früheren Zeit angefangen von Pfarrer Christian Rath
  • Erlanger Heimatblätter von 1926
  • Dipl. Ing. W. Meyer in H. Brunner u.a. von Reitzenstein: Bayern, Baudenkmale, S. 33 f.
  • Johann Looshorn „Die Geschichte des Bistums Bamberg, IV Band: Das Bistum Bamberg von 1623-1729, Seite 195