Der folgende Artikel wurde von Dr. E. Deuerlein im Jahr 1933 in den Erlanger Heimatblätter publiziert. 

Zum Autor: Georg Adam Ernst Deuerlein (*22.7.1893 Erlangen, †l5.11.1978 Erlangen) studierte ab 1912 Naturwissenschaften in Erlangen und promovierte 1919 zum Dr. phil. Sein eigentliches Interesse galt frühzeitig der Geschichte seiner fränkischen Heimat. Seit 1919 publizierte Deuerlein in den Erlanger Heimatblättern auch mehrere Hundert zumeist kleinerer Beiträge, v.a. zur Erlanger Universitäts-, Studenten-, Häuser- und Alltagsgeschichte. 1919 war Deuerlein an der Gründung des Erlanger Heimatmuseums und Geschichtsvereins beteiligt.

Kirchturm in Hannberg

Kirchturm in Hannberg

„Die Bauern alle insgeheim

Verschworen sich, so groß wie klein,

Sie wollten sein ganz unverzagt,

Einander halten Glauben;

Sobald des Feinds ansichtig man,

So wollten Sturm sie läuten,

Dann sollt zulaufen jedermann

Mit Hauen, Gabeln, Reuten

Zum Kirchhof hin mit seiner Wehr;

Dann wollten sie mit einem Heer

Des Feinds bald haben obgesiegt,

Herab ihm tun die Hauben“. (Hans Sachs)

Gegen Ende des Mittelalters war Deutschlands von Bürgerkrieg „zerfleischt“, die Bauernschaft, die Städte, der Adel, die Geistlichkeit lagen miteinander in Fehde. Ein jeder suchte sich durch Wehrbauten zu schützen. Die Stadtbefestigungen, die Burgen, die festen Schlösser erinnern uns an diese schwere Zeiten. Auch der Bauer mußte auf einen sicheren Zufluchtsort bedacht sein. Eine Befestigung des ganzen Dorfes war im allgemeinen zu kostspielig; außerdem hätte es wohl meist an der genügenden Zahl von Verteidigern gefehlt. Ursprünglich bot die Heiligkeit der Kirche allein schon in Zeiten der Not und Gefahr Schutz; mit der Zeit aber machte die Kriegsführung nicht mehr Halt vor diesem Asyl. Man sah sich also gezwungen die Kirche wehrbar zu machen. Zunächst legte man sie deshalb wenn möglich auf einem Hügel an. Die eigentliche Befestigung konnte sich nur auf das Kirchengebäude selbst oder aber auch auf die Umgebung, also den Friedhof erstrecken. Die erste Art der Befestigung ist durch spätere Einbauten heute allerdings vielfach nur noch schwer zu erkennen. Der Turm war das wichtigste Verteidigungsmittel; er konnte am längsten dem Angreifer gegenüber gehalten werden.

Bei vielen Kirchtürmen sind ja noch die Schießscharten benützten Schlitzfesnster zu sehen. Bei solchen Wehrtürmen war natürlich ein Zugang von ebener Erde nicht vorhanden; auch das können wir noch häufig beobachten; in späteren Zeiten baute man nämlich kleine Treppentürmchen an, wie wir es z.B. in Büchenbach sehen. Auch die häufig vorhandenen Ecktürmchen (z.B. in Bruck) weisen auf die Befestigung hin. Die mächtigen Wehrtürme konnten sogar Geschütze tragen, wenigstens ist uns das von Gründlach überliefert. An die massigen, 4-5 stöckigen Wehrkirchtürme waren meist nur kleine Schiffe angebaut, wir brauchen ja nur an Bruck und Hannberg zu denken; freilich erolgten in späterer Zeit fast stets erweiternde Umbauten. Durch kleine Kirchenschiffe wollte man den Verteidigern des Turmes ein möglichst großes Schußfeld gewähren. Äußerlich sind die Türme schmucklos; gewöhnlich trennen nur einfache Gesimse die einzelnen Stockwerke. Am Langhaus der Kirche selbst sind Befestigungsanlagen verhältnismäßig selten erhalten; in unserer Gegend kommen eigentlich nur Langensendelbach und Vach in Betracht. In Langensendelbach sind noch einige rechteckige Schlitzöffnungen vorhanden. In Vach befinden sich am Ostchor 2 kleine Ecktürmchen; der Turm steht im Westen. Im allgemeinen steht der Turm allerdings im Osten; sein Erdgeschoß beherbergt dann den Chor.

Wehrgang Effeltrich

Wehrgang Effeltrich

Weit häufiger ist aber die andere Art der Befestigung, nämlich die Wehrbarmachung des Friedhofes. Erst diese Anlagen gewähren den kriegerischen Anblick, den uns Effeltrich bietet. Freilich sind uns nur noch wenige Kirchenbefestigungen so gut erhalten; außer Effeltrich sind in unserer engeren Heimat noch Hannberg und Kraftstoff zu nennen, auch Pinzberg und Veitsbronn dürfen wir nicht vergessen. Die Größe einer solchen Anlage ist natürlich sehr verschieden; sie wird eben durch die Größe des Ortes selbst bedingt. Der Grundriss wird meist durch die Geländeverhältnisse beeinflusst; doch sind rechteckige Anlagen die Regel; ganz unregelmäßig ist Kraftshof angelegt.

Die Kirche selbst steht gewöhnlich in der Mitte; jedoch kommen auch Ausnahmen vor; so bildet z.B. die Schmalseite des Kirchenschiffes in Pinzberg zugleich einen Teil der Befestigungsmauer; der Wehrgang verlief daher auf dieser Seite innerhalb der Kirche selbst.

Die meisten Wehranlagen sind heute ja freilich leider verschwunden. Noch 1884 war es möglich, daß man die Hetzleser Befestigung, die nach alten Bildern eine der schönsten unserer Gegend war, abtragen konnte, ohne irgendwelchen Widerstand zu finden. Die Dicke der Mauern beträgt mindestens 1,1 Meter; meistens haben wir es mit Füllungsmauern zu tun; d.h. der Zwischenraum zwischen der äußeren und inneren Quaderschicht ist mit Bruchsteinen ausgefüllt. Die Höhe der Mauer ist naturgemäß durch das Gelände bedingt. Die eigentliche Mauer trug dann noch die dünnere Brustwehr, hinter der meistens ein hölzerner Wehrgang mit Dach angebracht war. Völlig erhalten ist uns dieser nur in Kraftstoff; einzelne Teile davon können wir in Effeltrich sehen. Zum Wehrgang führen häufig steinerne Stufen empor, die aus der Mauer herausragen; auch in Effeltrich sind noch mehrere solcher Treppen vorhanden.

Die Ecken des Friedhofes suchte man durch Türme wehrhafter zu machen. Zeitlich kann man zwei verschiedene Verteidigungstypen unterscheiden. Die ältere Anlage ist uns in zwei sehr guten Beispielen, in Büchenbach und Veitsbronn, erhalten. Ein gedeckter Wehrgang fehlte hier; auf die Mauer wurde nur eine einfache Brustwehr aufgesetzt; ebenso kannte man damals noch keine Ecktürme. Allerdings ist das Fehlen von Mauerecktürmen allein durchaus kein Kriterium für den älteren Typ; den kleinere Orte konnten sich auch in späteren Zeit keine Türme leisten. Als Entstehungszeit dieser älteren Anlagen darf man wohl das 13. und 14. Jahrhundert annehmen.

Der zweite oder jüngere Typ weist neben einem Wehrgang auch Türme auf; als Beispiele dafür seien Effeltrich, Kraftstoff, Hannberg und Dormitz genannt. Im allgemeinen sind nur die Mauerecken durch Türme bewehrt; bei größeren Anlagen sind auch sonst noch in die Mauern Türme zur besseren Verteidigung eingebaut. Neben runden Türmen erscheinen auch noch eckige; als Baumaterial kommt vor allem Sandstein in Betracht. Die Türme sind meist vorm Erdboden aus aufgebaut, oder aber auf die Mauer aufgesetzt; solche aufgesetzte Türme begegnen uns in Hannberg und Pinzberg. Der Eingang zum Friedhof ist durch ein festes Torhaus bewehrt; auch Tortürme baute man gelegentlich, ein Beispiel davon bietet uns Pinzberg. Im Torhaus war häufig die Schule untergebracht. Vielfach lag außerdem noch das Pfarrhaus innerhalb der Mauer; man vermied es dann natürlich, nach außen hin Fenster anzubringen und behalf sich mit Sehschlitzen. Aber auch Vorratshäuser, Keller und Brunnen legte man gelegentlich innerhalb der Wehrmauer an, um im Notfall mit Lebensmitteln versehen zu sein, oder aber auch um die Habe gut unterbringen zu können. Welche bedeutende Anlagen so entstanden, möge folgendes Ereignis zeigen. 1449 gelang es den Nürnbergern, im befestigen Friedhof zu Offenhausen 300 Stück Vieh und 57 vollbeladene Wagen zu erbeuten. Um die Wehranlage führte hie und da auch ein Graben; ganz gut können wir ja diesen in Büchenbach feststellen; auch in Effeltrich sind geringe Reste zu beobachten.

Wehrkirche Effeltrich

Wehrkirche Effeltrich

Nach diesen allgemeinen Betrachtungen wollen wir uns Effeltrich selbst zuwenden. Die Befestigung liegt im Westen des Ortes auf einem leicht ansteigenden Hang. Der Grundriss ist diesem angepasst; er ist ein annäherndes Rechteck mit einer abgeschrägten Ecke. Drei Mauerecken sind durch noch völlig erhaltene Rundtürme bewahrt; an einer weiteren Ecke stand ehedem ein heute nur noch in den Grundmauer erkennbarer viereckiger Turm. Die fünfte Ecke enthält das Torhaus; wenige Jahre vor dem Kriege fand man bei einer zufälligen Grabung, daß das Tor eine Art Vorwerk besaß; den Angeben nach, die mir ein Einwohner von Effeltrich gelegentlich machte, scheint eine Art Waffenplatz vorhanden gewesen zu sein, ähnlich wie bei den Toren an der Nürnberger Stadtbefestigung; freilich handelte es sich in Effeltrich um eine bedeutend kleiner Anlage.

Die Höhe der Mauer betrug außen wohl einschließlich des Wehrganges 8-9 Meter. An drei Stellen führten Steintreppen zum Wehrgang empor, der nur zwischen dem Torhaus und dem einen Eckturm erhalten ist, also auf eine Strecke von 14-15 Meter. Über dem Tor sind in drei nachträglich angebrachten Nischen  die Holzfiguren des Hlg. Sebastian, des Hlg. Georg und des Hlg. Laurentius aufgestellt, die wohl ehemals in der Kirche selbst standen. Einige Meter rechts davon ist eine weitere Nische in den Wehrgang eingebaut, die eine Statue des Hlg. Georg zu Pferd enthält; St. Georg ist nämlich der Schutzherr der Kirche zu Effeltrich.

Heilige im Eingangstor Effeltrich

Heilige im Eingangstor Effeltrich

Die heute frei in die Höhe ragenden Türme waren ehemals vom Wehrgang nahezu eingeschlossen; das ist ja heute noch bei dem einen so ziemlich der Fall. An der Südwestseite verläuft die Mauer ziemlich nahe an der Kirche; der Zwischenraum (etwa 2 1/2 Meter) war in früheren Zeiten durch einen gedeckten Gang überbrückt; die vermauerte Türöffnung ist noch deutlich am Kirchturm zu erkennen, der an dieser Stelle in die Kirche eingebaut ist.

In den Kämpfen des Markgrafen Albrecht Achilles wurde 1449 auch Effeltrich bös mitgenommen, jedenfalls war die Beschädigung der Kirche derart, daß man zu einem Neubau schreiten mußte. Bald darauf, also gegen das Ende des 15. Jahrhunderts, wurde dann die Wehranlage geschaffen.

Im 18. Jahrhundert erfolgte dann der Umbau der Kirche, bei dem wohl die heute über dem Kirchhofeingang stehenden Figuren vom Hauptaltar entfernt wurden; damals erhielt die Kirche die heutige Barock- und Rokokoinnenausstattung; doch sind noch verschiedene gotische Plastiken im Inneren vorhanden, so z.B. der linke Nebenaltar und eine Pietá. Ein Teil der Mauer wurde erst im 19. Jahrhundert auf Veranlassung des Pfarrers abgebrochen, um eine Brücke aus Steinen zu bauen.

Die Einwohner von Effeltrich scheinen aber mit dieser eigenmächtigen Handlung ihres damaligen Kirchenherren durchaus nicht einverstanden gewesen zu sein; denn eine alte Frau klage einmal bitterlich über diesen Geistlichen, der „zur Strafe für seinen Frevel“ an einem langen, schweren Leiden gestorbene sei. Darüber ist sein Nachfolger um so tätiger für die Erhaltung des Althergebrachten eingetreten, er hat vor allem mit dazu beigetragen, daß in Effeltrich noch an Festtagen die alten Trachten getragen werden; auch viele alte Bräuche, die sonst im ganzen fränkischen Lande längst vergessen sind waren vor dem Kriege in Effeltrich noch üblich. Hoffentlich hat sich daran nichts geändert!“

Außerhalb des Kirchhofes steht im Nordwesten ein Streinkreuz; ehedem sollten es 4 oder 5 gewesen sein. Der Sage nach ruhen hier die Opfer eines Kampfes um die Kirchhof.

Neben der Kirchenburg hat aber Effeltrich noch eine Sehenswürdigkeit: es ist die berühmte Dorflinde, die ein Alter von über 1000 Jahren besitzen soll. Angeblich wurde sie im Jahre 1007 zum Andenken an die Gründung des Bistums Bamberg gepflanzt. Der Durchmesser der Krone des 7,5 Meter hohen Baumes beträgt 23 Meter; die Äste werden durch ein Holzgerüst geschützt. An der Kirchweih wird unter dem Baume getanzt. Nicht unerwähnt sollen auch die netten Fachwerkhäuser bleiben, die wir in Effeltrich bewundern können.