Wehrkirchen sind Zeugen einer Zeit, in der die einfache Bevölkerung ihre Dorfkirchen durch massive Mauern befestigte, um sich vor feindlichen Angriffen zu schützen. Die folgende Arbeit gibt einen Überblick über die wichtigsten Kirchenburgen in Franken: Büchenbach, Hannberg, Effeltrich und Kraftshof. Der Artikel ist eine Facharbeit aus dem Gymnasium Herzogenaurach, Leistungskurs Geschichte, erstellt von Dominic Wintrich im jahr 2002/03.

1 Vorbemerkung

Wehrkirche Hannberg (von 1929)

Wehrkirche Hannberg (von 1929)

Für die Facharbeit musste ich auf Sekundärquellen bzw.-literatur zurückgreifen. Die Primärquellen konnte ich nicht nutzen, da sie zum einen in verschiedenen Staats- und Kirchenarchiven (z.B. Bamberg, Darmstadt, München) aufbewahrt werden und die Sichtung damit einen sehr hohen Zeit- und Kostenaufwand bedeutet hätte, zum anderen – und das ist der gewichtigere Grund – kann ich die Schriften, in der die Primärquellen verfasst sind, nicht lesen. Zum Beispiel kann die Primärquelle mit (merowingischen) Minuskeln geschrieben worden sein. Sie wurden zum Teil bis ins 15. Jahrhundert hinein verwendet. Eine weitere Leseschwierigkeit bei den Primärquellen ergibt sich durch verschiedene Arten von Kürzungen oder auch durch die Verwendung von Zeichen für Buchstaben14, was zur damaligen Zeit üblich war.

In der Sekundärliteratur finden sich gelegentlich widersprüchliche Sachverhalte. Die Widersprüche setzen sich dann in weitere Quellen fort, da die Informationen von späteren Autoren ungeprüft übernommen werden. Ein Beispiel: So schreibt z. B. Dr. Eduard Rühl in „Kulturkunde des Regnitztales und seiner Nachbargebiete von Nürnberg bis Bamberg“, Bamberg, 1932, Seite 59 zur Hannberger Wehrkirche: Wehrgang zu Gunsten eines Schulhausneubaus…abgetragen.“

Dem widerspricht Robert Noppenberger in „Aus der Geschichte Hannbergs und seiner Pfarrei 1486 – 1986, Geschichte der Schule Hannberg“, Pfarrei Hannberg im Selbstverlag auf Seite 65: „Man trug einfach von der Wehrmauer. …. zwei Steinreihen ab, …“. Auch die Auswertung der Sekundärliteratur ist mitunter sehr zeitaufwendig, da ein großer Teil dieser Quellen in einer heute nicht mehr verwendeten Schrift, nämlich der „Deutschen Schreibschrift“ (nach Sütterlin) verfasst ist.

14 Vgl. Wolfgang Ribbe, Eckart Henning, Taschenbuch für Familiengeschichtsforschung, Schriftkunde (Paläographie), 9. erweiterte und verbesserte Auflage, Neustadt an der Aisch, 1980, Seite 251

2 Einleitung

Als ich anfing mich mit dem Thema zu befassen und nach Sichtung der ersten Quellen, hatte ich zunächst den Eindruck, dass die heute als Kulturdenkmal geltende Wehrkirche oder Kirchenburg eine regional und zeitgeschichtlich begrenzte Erscheinung ist. Nachdem ich mich aber eingehender mit dem Thema befasst hatte, lernte ich, dass „wehrhafte Kirchhöfe“ in jeder Region Europas, vom Norden bis zum Süden, vom Osten bis zum Westen, zu finden sind. Was jedoch regional gesehen werden muss, ist die „Erforschung“ dieser Bauwerke. Diese alten Wehrkirchen, die heute als Kulturdenkmäler mit großem Aufwand erhalten werden, sind einst im Zuge der Christianisierung und zum Schutz der Landbevölkerung vor kriegerischen Auseinandersetzungen und Raubzügen, bedingt aus politischen, wirtschaftlichen und geistigen Gründen, errichtet worden, daher ja auch ihr Name: Wehrkirche.

Wenn wir das aktuelle politische Geschehen betrachten, sehen wir uns – unabhängig davon, welchen Kontinent wir betrachten – kriegerischen oder kriegsähnlichen Auseinandersetzungen gegenüber. So war es immer und zu jeder Zeit.

Diese Auseinandersetzungen haben allesamt zum Ziel: Erringung und Stärkung von Macht und Vergrößerung des Landbesitzes. Stellvertretend sei hier beispielhaft Bezug genommen auf unsere eigene Geschichte. Wir sollten nicht den zweiten Weltkrieg vergessen, mit dem das Deutsche Reich Europa überzogen hat, unter anderem auch mit der Absicht sich die Kornkammern der Ukraine und die Ölfelder Bakus einzuverleiben. Demzufolge mussten die Menschen im Laufe der Geschichte Formen finden, sich zu schützen. Hier haben sich logischerweise verschiedene Verteidigungsformen entwickelt, die abhängig waren von dem jeweiligen Zeitalter und seinen Möglichkeiten kriegerische Auseinandersetzungen zu führen. So bauten einst die Chinesen das wohl imposanteste und gewaltigste Verteidigungsbauwerk, „Die Große Chinesische“ Mauer. Die Römer errichteten den Limes und befestigten Städte. Wie aber haben sich die Menschen, die in Siedlungen auf dem Lande lebten, geschützt? Die Siedlungen, Dörfer, waren ja aufgrund ihrer Weitläufigkeit kaum sinnvoll zu befestigen, geschweige denn zu verteidigen. Sie bauten den einzig befestigten Bereich eines Dorfes, den Kirchhof, immer weiter in einer Art und Weise aus, dass dieser zu einer Wehrkirche oder einer Kirchenburg wurde. Die Kirche spielte in der Zeit, als die Kirchenburgen entstanden sind, eine entscheidende Rolle im Leben der Menschen. Die Kirche war der Mittelpunkt des (dörflichen) Lebens. Sie schlug den Takt des Tagesablaufes.

Wir Christen vergessen sehr leicht, wenn wir von der Kirche reden, dass wir diese Kirche sind.
Wir sind die lebendigen Bausteine, die Glieder der Kirche.

Quelle: Kalenderblatt „Caritas-Kalender, 2002″

Wenn wir hier von der Kirche als Gebäude sprechen, ist wichtig zu wissen, dass wir mit diesem Begriff nicht unsere heutige Vorstellung von einer Kirche verbinden dürfen. Kirchen in dem hier benutzten Sinne sind mehr oder weniger gut ausgebaute (Verteidigungs-, Chor-, Ost-) Türme. Manchmal ist ein winziger Gemeinderaum angebaut.

3 Hauptteil

Es haben sich im Laufe der zeitgeschichtlichen Entwicklung – in Abhängigkeit von der geographischen Lage – verschiedene Typen von Kirchenbefestigungen entwickelt. Wir kennen den Rundling oder auch die Ringburg, der oder die im Allgemeinen in der Literatur als „der Urtyp“ angesprochen werden. Weitere Typen sind die Gadenburg, die Kirchenburg mit Wehrgang, die rechteckige Kirchenburg und unterschiedliche Kombinationen von Elementen der vorgenannten Typen. Maßgeblich für die (bautechnische) Entwicklung der Verteidigungselemente der Kirchenburgen waren die kriegerischen Auseinandersetzungen der jeweiligen Epoche, die territorialen Fehden und Kleinkriege.

3.1 Die Wehrkirchen

Wehrgang Kraftshof

Wehrgang Kraftshof

Ist der Kirchhof eines Dorfes mit einer starken und hohen Mauer umgeben und möglicherweise zusätzlich noch mit einem Wehrgang versehen, so sprechen wir von einer Wehrkirche oder einer Kirchenburg. Aus der zeitgeschichtlichen und geographischen Entwicklung heraus unterscheiden wir nach Rühl15 für das fränkische Gebiet mit dem sogenannten „Typus I“ und dem „Typus II“ zwischen zwei Typen von Wehrkirchen. Vom grundsätzlichen Aufbau der beiden Typen her handelt es sich um Anlagen mit rechteckiger Form. Die in der Zeit bis zum ca. 15. Jahrhundert typische Form der Wehranlage, der „Typus I“, besteht in der Hauptsache aus einer hohen Mauer ohne Ecktürme und mit einem offenen Wehrgang. Die Brustwehr ist von schmalen Schießscharten durchbrochen. Das Tor ist meistens mit einem Torhaus überbaut.

Typisch für die Zeit nach dem 15. Jahrhundert ist der „Typus II“. Bei in die -sem Zeitraum errichteten Kirchenburgen ist der Wehrgang im Allgemeinen abgedeckt ist. Die Mauer wird durch runde Ecktürme verstärkt. Lange Mau -erstrecken erhalten zusätzlich Türme. Es ist eindeutig, dass dieser zuletzt beschriebene „Typus II“ verteidigungstechnisch einen wesentlichen Fort -schritt darstellt, denn die vorspringenden Eck- und Mauertürme ermöglichen zusätzlich auch die seitliche Verteidigung der Mauer. Die gesamte Anlage kann auch noch mit einem umlaufenden (Wasser-) Graben versehen sein, wobei dieses zuletzt genannte Element aber eher selten vorkommt. Im Allgemeinen ist auch die Kirche selbst so gebaut, dass sie verteidigt werden kann, beziehungsweise verteidigungsfähigen Schutz bietet.

15 Vgl. Dr. Eduard Rühl, Kulturkunde des Regnitztales und seiner Nachbargebiete von Nürnberg bis Bamberg aufgezeichnet an Kulturdenkmälern, Bamberg, 1932; Seite 48 künftig zitiert als „Rühl“)

3.1.1 Geschichtlicher Hintergrund

Wie lassen sich nun die lokale Zuordnung und der Zeitraum ermitteln, in dem, beginnend mit befestigten Kirchhöfen, die Kirchenburgen oder Wehrkirchen entstanden sind?
Eine erste räumliche und zeitliche Zuordnung können wir bereits über zwei Gedichte treffen. So schreibt Hans Sachs, der von 1494 bis 1576 in Nürnberg gelebt hat:

„Sobald des Feindes ansichtig man,
So wollten Sturm sie läuten.
Da sollt zulaufen jedermann Mit Hauen, Gabeln, Reuten Zum Kirchhof hin mit seinerWehr;
Dann wollten sie mit einem Heer Des Feindes bald haben obsiegt,
Herab ihm tun die Hauben“

Von dem Germanisten und Schriftsteller Ludwig Uhland, er lebte von 1787 bis 1862 in Tübingen, erfahren wir über die „Döffinger Schlacht“:

„Am Ruheplatz der Toten, da pflegt es still zu sein,
Man hört nur leises Beten bei Kreuz und Leichenstein.
Bei Döffingen war’s anders, dort scholl den ganzen Tag Der feste Kirchhof wider von Kampfruf, Stoß und Schlag.
Die Städter sind gekommen, der Bauer hat sein Gut Zum festen Ort geflüchtet und hält’s in tapfrer Hut.
Mit Spieß und Karst und Sense treibt er den Angriff ab;
Wer tot zu Boden sinket, hat hier nicht weit ins Grab.“ 15

Existenz und Bedeutung der Wehrkirchen sind in Gedichten von Zeitgenossen belegt. Aus historischen Schriften wissen wir, dass im süddeutschen Raum Wehrkirchen über einen Zeitraum von ca. 350 Jahren, bis ins 19. Jahrhundert hinein, wichtig waren.
Später wurden die Kirchenburgen aus wehrtechnischer Sicht uninteressant. Wie stellt es sich in der Zeit davor dar?

Werfen wir hierzu einen Blick auf die geschichtliche Entwicklung unserer Region. Einen wichtigen Hinweis erhalten wir über die Bezeichnung unserer Region als „Rangau“. Diese Bezeichnung ist hergeleitet aus der Zeit der Besiedlung unseres Raumes durch die Merowinger bzw. Karolinger. Sie haben die Gebiete ihrer Landnahme in Gaue eingeteilt. „Unter diesen Gauen war der Radenzgowe, oder R a d i n z g o w e, der bei Fürth anfieng, und sich längs der Regnitz hinab bis gegen Bamberg erstreckte, und wozu also unser Erlanger Distrikt gehörte.“ 5

Zu diesem Gau gehörte z. B. auch, neben Erlangen, Büchenbach. Die Besiedlung unseres Raumes entlang des Main und der Regnitz durch die Merowinger bzw. Karolinger erfolgte in zwei Wellen. Die eine liegt vor dem 8. Jahrhundert, die zweite nach dem 8. Jahrhundert.
Da man zu diesem Zeitpunkt noch keine (Haupt-) Residenzstädte nach unserem heutigen Verständnis kannte, war das Kernelement der Besiedlung der sogenannte „Königshof. Der Standort eines solchen Siedlungsschwerpunktes wurde nach einem entsprechenden System ausgewählt, das im wesentlichen die folgenden Funktionen zu berücksichtigen hatte: Sicherung der Straßen, Flussmündungen, Schiffsländen und Furten sowie Beherbergung und Versorgung des Königs. „Man hat ermittelt, dass die karolingischen Königshöfe in aller Regel in einer bestimmten „Etappen-Entfernung“ (25-30 km) voneinander entfernt liegen.“ Die Königshöfe waren auch Gerichtsstätten und zogen Steuern und Abgaben ein. In unserer Umgebung hatten z. B. Forchheim, Fürth, Erlangen und Büchenbach diese Funktionen. Um das Jahr 955 erfolgte die Verbindung zwischen Staat und Kirche durch die Übertragung von weltlichen Herrschaftsrechten auf Bischöfe und Äbte durch den Herrscher (König). Auf der anderen Seite nahm der König sich aber auch das Recht, Bischöfe und Äbte ein- beziehungsweise abzusetzen.

 5 D. Johann Christian Fick, Historisch-topographische-statistische Beschreibung von Erlangen und Gegend mit Anweisungen und Regeln für Studierende, 2. erweiterte Auflage, Erlangen 1977; Seite 4 und 5, künftig zitiert als „Fick“
23 Alfred Wendehorst (Hrsg.), Fränkische Landesgeschichte und historische Landeskunde, Grundsätzliches – Methodisches – Exemplarisches, die mittelalterlichen Grundlagen des historischen Raumes des Landkreises Karlstadt, München 2001, Seite 72, künftig zitiert als „Wendehorst“.

Wohl zu diesem Zeitpunkt verfügte der herrschende König den Bau von 14 (Kolonisations-) Kirchen entlang der besiedelten Flüsse. Zwei dieser Kirchen gab es in unserer Nähe, nämlich Erlangen und Bruck. Das Regnitztal war nämlich als Durchgangsgebiet von sehr großer strategischer Bedeutung. Man darf sicherlich annehmen, dass es eine weitgehende Übereinstimmung der Standorte von Königshöfen, Kirchen und möglicherweise landwirtschaftlich genutzten Gebieten gegeben hat. So wissen wir ziemlich sicher, dass auf Büchenbach eine solche Übereinstimmung zutrifft.

Aus dem Kolonisationsaspekt heraus entwickelt sich logischerweise die Notwendigkeit, die Kirchen verteidigungsfähig auszuführen. Sie waren ja die Stützpunkte der (neuen) Macht. Damit haben wir den Zeitraum vor dem 15. Jahrhundert bis zum sehr wahrscheinlichen Beginn der Epoche der Wehrkirchen bestimmt.
In etwa zum gleichen Zeitpunkt – um 955 – entwickelte sich auch das Asylrecht der Kirche. Mit dem Beschluss des Römischen Konzils von 1059 war die Kirche „Campo Santo“. Im Jahre 1080 wurde durch das Konzil von Lillebon das Recht anerkannt, insbesonders zu Kriegszeiten Zuflucht in der Kirche suchen zu dürfen. Bis zum 14. Jahrhundert hinein war das Asylrecht recht wirksam. Es begründete sich aus dem Schutz der in der Kirche befindlichen Reliquien des Patronatsstifters beziehungsweise der Patronatsstifterin. Die Reliquien waren eine Voraussetzung für den Bau einer Kirche. Jedermann war über die Zeit, in der er sich in einem Gotteshaus aufhielt, der Strafverfolgung entzogen. Das Asylrecht der Kirche war der erste Schritt zu einem Minimum von „Wehrhaftigkeit“ eben dieser. Diese „Wehrhaftigkeit“ reichte natürlich nicht aus, um die Landbevölkerung und ihre Habe wirksam gegen Raubzüge, die sich z. B. aus Machtwechsel und/oder willkürlicher Landnahme herleiten, zu schützen. Bei den politischen, wirtschaftlichen und geistigen Auseinandersetzungen in unserer Gegend handelte es sich z. B. um Fehden der Fürsten gegen die Städte (1387/89), den Bayerischen Erbfolgekrieg (1504/05), die Markgrafenkriege (1449/52 und 1552/54), die Bauernaufstände 1525 und um den schrecklichsten aller Kriege, den „Dreißigjährigen Krieg“ (1618-48). Die Hauptleidtragenden der Kleinkriege waren die Bauern. Ihre Dörfer waren durch die offene Bauweise allen Raubzügen schutzlos preisgegeben. Es war nicht möglich die Dörfer so zu befestigen wie die Städte. Auch war das Recht eine Befestigungsanlage anzulegen nur den Städten Vorbehalten. Es wurde vom Kaiser oder dem jeweiligen Territorialherren verliehen. Zum anderen nahm das Dorf – in unserer Gegend gab es sehr häufig Haufendörfer – durch seine Bauweise einen verhältnismäßig großen Raum ein. Ihn mit einer Mauer zu umschließen wäre kräftemäßig wohl kaum zu schaffen gewesen. Auch dürfen wir einen anderen Aspekt nicht vergessen, nämlich die Kosten einer solch umfangreichen Wehranlage. Man darf die Dörfer in der Regel als „arm“ betrachten. Unterstellen wir, dass es gelungen wäre eine derartige Befestigung auszuführen, so hätte im Kriegsfall die Anzahl der Bewohner nicht ausgereicht sie zu verteidigen. Zum Verständnis sei erwähnt, dass die Dörfer der damaligen Zeit kaum mehr als 20 Familien gehabt haben dürften.

15 „Rühl“, a.a.O., Seite 45 und 53

3.1.2 Die Elemente der Wehrkirche und deren Funktionen

Die Dorfbewohner suchen bei einem -befürchteten- Überfall die wehrhafte Kirche bzw. den befestigten Kirchhof als Zufluchtsort auf. Zur Lage des befestigten Kirchhofes gilt, dass dieser frei, in Randlage und, aus taktischen Gründen, auf einem erhöhten Standort stehen muss. Der Eingang ist dem Dorfkern zugekehrt, damit die Bauern sich und ihre wertvolle Habe auf dem kürzesten Weg in Sicherheit bringen können. Die Verteidigungselemente des Kirchhofes sind:

  • der (Chor-) TurmA mit – soweit vorhanden – dem Gemeinderaum
  • die Mauer mit Wehrgang
  • die Ecktürme
  • das Tor (-haus)
  • der (Wasser-) Graben
  • die Brunnen
  • und die Gaden
Gräber Innenhof Kraftshof

Gräber Innenhof Kraftshof

Der Turm ist sehr oft ein sogenannter Chorturm, das heißt, der Turm steht im Osten. Sein unterstes Geschoss bildet, stark und massiv eingewölbt, gleichzeitig den Chor der Kirche. Er ist sehr massiv gebaut, hat einen rechteckigen Grundriss und besteht in der Regel aus Stein. Zu diesem geschichtlichen Zeitpunkt ist er auch die eigentliche „Kirche“ mit, soweit vorhanden, dem Langhaus. Das Langhaus ist zu dieser Zeit eher ein kleines und unbedeutendes Längsschiff. Der Turm ist vier bis fünf Stockwerke hoch und misst ca. 6 Meter19 im Quadrat. Die Mauer kann eine Stärke von bis zu 1,60 Metern haben. Zu Verteidigungszwecken mussten die Fenster des Turmes klein und schmal sein. Dies gilt besonders für die Chorfenster des Erdgeschosses. Häufig sind diese, besonders auf der Ostseite, paarweise angeordnet. War es den Angreifern gelungen in die „Kirche“ einzudringen, so waren die oberen Geschosse des Turms der letzte Zufluchtsort der Verteidiger. Der (Chor-) Turm übernimmt eine ähnliche Rolle wie der Bergfried einer Burg. Wie dieser ist er nicht von unten zugänglich. Erst über das zweite oder dritte Turmgeschoß wird der Turm vom Kirchboden aus über eine natürlich sehr massive Tür zugänglich. Je nach Typ sind die Türme auch von außen über eine Leiter, einen Treppenturm (Büchenbach) oder auch vom Wehrgang aus zugänglich (Effeltrich). Ab Mitte der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wird der Turm um vier Ecktürmchen, den so genannten Scharwachttürmchen, auch „Pfefferbüchsen“ genannt, erweitert. Diese haben einen Durchmesser zwischen einem bis zwei Metern und eine Höhe von ca. zwei Metern. Sie gestatten eine freie Rundsicht nach allen vier Seiten. Von ihnen aus ist eine, wenn auch nicht allzu wirksame, Beschießung des Gegners möglich. Die Ausführungsform des Turmes mit Scharwachttürmchen wird im Fachjargon kurz „Fünfknopf genannt. Warum hat der Turm eigentlich einen quadratischen Grundriss? Verteidigungstechnisch wäre doch eine runde Form eher von Vorteil, da man nur sehr schwer Leitern anlegen könnte und (Wurf-) Geschosse abgleiten würden. „Mittelalterliche Architektur hatte nicht nur die eine Aufgabe, einen funktionellen Kirchenbau zu errichten, sondern auch noch die andere, durch diesen Bau Gott und den Menschen verbinden zu helfen.

19 Vgl. Scheven Friedrich, Die mittelalterlichen Befestigungen der Dorfkirchen im Reg-nitzgau, Dissertation, Erlangen, 1914, für alle Maßangaben in diesem Kapitel.

Im Kirchenbau wollte man Gottes Maßstäbe abbilden. Im Quadrat steckt die Symbolzahl Vier: Vier Elemente (Feuer, Wasser, Luft und Erde), vier Jahreszeiten, vier Himmelsrichtungen, vier Evangelisten … Es waren Zeichen für die irdische Welt, die in Beziehung steht zu Gott. Hier kommt der Mensch zu Gott und Gott zu den Menschen. Die Kirche wurde zum Heilsgebäude.“ 10 Bei dem Langhaus, wenn es vorhanden ist, lässt sich nur sehr schwer nachweisen, ob es in die Verteidigungsmaßnamen eingebunden war. Wenn dies jedoch der Fall war, kommt es eher häufig vor, dass dessen Nordseite keine Fenster aufweist. Da etwaige Nordfenster sowieso am wenigsten Licht spenden würden, ließ man sie weg und hatte demzufolge nur drei Seiten zu verteidigen.

Die den Kirchhof umgebenden Mauern sind der Form nach als Vier-respektive Fünfeck ausgeführt. Die Mauern haben eine Kronhöhe von bis zu acht Metern und eine Stärke von bis zu 1,20 Metern. Die größte Längenausdehnung liegt in der Ost-West-Richtung. Um die Mauer laufen, je nach Entstehungszeitraum, offene oder geschlossene Wehrgänge. Sie sind über in die Mauer eingelassene Stufen zu erreichen. Die Mauern sind aus behauenen Sandsteinquadern aufgebaut. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts werden auch sogenannte Buckelquader verwendet. Diese vermutlich, um den Angreifern das Hinaufschieben von Sturmleitern zu erschweren beziehungsweise es gleich zu verhindern. Die Mauern sind als Füllmauern ausgeführt. Das bedeutet, dass sie in der Mitte mit Bruchsteinen ausgefüllt sind. Den Mauerabschluss bildet die Brustwehr. Diese ließ man ein wenig vorkargen, um hierdurch ebenfalls das Hinaufschieben von Sturmleitern zu erschweren. Hinter der Brustwehr befindet sich dann der 1,15 Meter breite Wehrgang. Die Ecken, an denen die einzelnen Mauerseiten Zusammenstößen, erhalten, zur Verbesserung der Verteidigung, Ecktürme. Sie stehen um bis zu dreiviertel ihrer Breite vor der Mauer. Die Türme können als Rundturm ausgeführt sein oder eine quadratische Form haben. Sie sind entweder vom Erdboden hochgezogen oder kargen, erkerähnlich, am oberen Teil der Mauer vor.

10 Leipold Regine, Katholische Pfarrkirche St. Xystus Erlangen-Büchenbach, Cultheca -Kirchenführer (Hrsg.), Regensburg 2000, Seite 23

Die Türme sind ca. drei Meter breit und zwischen sechs bis neun Meter hoch. Ihre Mauerstärke liegt bei ca. 95 Zentimetern. Zum Zugang des Kirchhofes muss die Mauer natürlich eine Öffnung, ein Tor, haben. Es ist zweifelsohne die Schwachstelle der Mauer. Zur besseren Sicherung erhält das Tor einen turmartigen Aufbau. Das Tor dürfte wohl meist aus Holz hergestellt worden sein. Zur Verstärkung erhält es an den Außenseiten Eisenbänder oder wird über seine gesamte Fläche mit Eisenplatten belegt. Es wird durch Vorlegebalken verschlossen. Ein Türflügel des Tores erhält ein Schlupfloch. Über dieses haben Nachzügler die Möglichkeit in den befestigten Kirchhof zugelangen. Das Schlupfloch ist gerade mal so groß, dass sich ein erwachsener Mensch hindurch zwängen muss.
Zu Verteidigungszwecken e rhalten die vorab beschriebenen Elemente Schießscharten. Sie können unterschiedlich ausgeformt sein. Am häufigsten kommt die Schlitzscharte vor. Sie ist ca. 50 Zentimeter hoch und 15 bis 40 Zentimeter breit. Eine andere Form ist die Schlüsselscharte. Diese erkennt man an einem Loch am Ende oder in der Mitte des Schlitzes und an dem Querspalt.
Der gesamten Anlage kann, als ein weiteres Element, das den Zugang erschwert, ein mit Palisaden bestückter Wall mit einer Firsthöhe von etwa 3 Metern und einer Breite von bis zu ca. 14 Metern vorgelagert sein.

Diesem folgt dann ein umlaufender (Wasser-) Graben. Der Graben ist bis zu ca. 14 Meter breit und kann bis zu 7 Meter tief sein. Befindet man sich während eines Überfalls zum Schutz innerhalb der Wehranlage, muss man, insbesondere unter dem Aspekt einer längeren Belagerung, die Versorgung der Verteidiger sicherstellen. Es werden aus diesem Grund an mehreren Stellen Brunnen angelegt. Wenn möglich liegen die Brunnen im Langhaus und dienen sowohl zur Trinkwasserversorgung als auch zur Bereitstellung von Löschwasser. Zur Feuerbekämpfung erhielten auch die Ecktürme Brunnen.Um im Verteidigungsfall auch einen Vorrat an Lebensmitteln zu haben, wurden „Gaden“ angelegt. Das sind unterkellerte Nebengebäude mit einem quadratischen Grundriss bei einer Seitenlänge zwischen drei Meter und fünf Meter. Bautechnisch erhielten die Gaden auf einer Seite eine fensterlose, eventuell mit Schießscharten versehene, Mauer, die gleichzeitig Teil der Befestigung war. Sie konnten die Funktion von Ställen, Hütten, Vorrats- und Aufenthaltskammern haben; oder auch als Wohnungen genutzt werden. Zum Teil gehörten sie – gegen entsprechende Pacht – bestimmten Familien. Zu Friedenszeiten bewohnten Personen die Gaden, die dauernd im Kirchhof lebten, wie der Pfarrer, der Küster, der Lehrer und der Wächter.
Eine erhielt die Funktion eines Schulhauses. Zu einem späteren Zeitpunkt, als der Kirchhof auch der Ort für die (Orts-) Bücherei war, wurde diese in einer Gade untergebracht.

3.2 Die Wehrkirchen im Umland

Wehrgang Effeltrich

Wehrgang Effeltrich

Während ich im Abschnitt 2.1) des Hauptteiles den allgemeinen Aufbau von Wehrkirchen oder Kirchenburgen beschrieben habe und eine entsprechende Typisierung durchführte, beschreibe ich in dem nun folgenden Abschnitt die Wehrkirchenanlagen von Büchenbach, Hannberg, Effeltrich und Kraftshof im Speziellen.

Büchenbach und Hannberg habe ich unter anderem deshalb gewählt, weil sie je einen der beiden Wehrkirchentypen repräsentieren: Büchenbach steht für den „Typus I“ und Hannberg für den „Typus II“. Außerdem besteht auch noch auf kirchlicher Ebene ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Kirchen. So ist zum einen Büchenbach die „Mutterpfarre“ von Hannberg; zum anderen unterstützte die „Pfarre Hannberg“ die Gemeinde Büchenbach, als es ihr, bedingt durch die Einwirkung des Dreißigjährigen Krieges sehr lange Zeit – bis ca. 1694 – wirtschaftlich nicht sehr gut ging. Hannberg hatte sich dagegen jedoch wohl wesentlich schneller erholt.

Effeltrich und Kraftshof wurden ausgewählt, weil sie zu einem sehr großen Teil eine noch gut erhaltene bauliche Substanz haben. Beide entsprechen von ihrem Aufbau her dem „Typus II“.
Bezüglich des Quellenmaterials gilt auch für diesen Abschnitt, was ich bereits im Abschnitt „Vorbemerkung“ ausgeführt habe. Manche Aussagen zu den Baulichkeiten beruhen auf Indizien und/oder scheinbar logischen Schlussfolgerungen daraus. Viele Dokumente der Zeit, Darstellungen oder Beschreibungen sind nämlich unter anderem durch den sinnlosen Abwurf von Brandbomben durch die Alliierten während des 2. Weltkriegs vernichtet worden. Das bedeutet für die Forschung, dass man in vielen Fällen Entstehungszeit und Entwicklungen von Anlagen fast allein aus der Art der Architektur ableiten muss, ausgehend „von vergleichbaren Gestaltungsmitteln, von ähnlicher Materialbearbeitung und von der Verwendung artverwandter Konstruktionsverfahren.“ 11

Fachausdrücke wie zum Beispiel „Füllmauer“ oder „Fünfknopf1 werden in diesem speziellen Teil nicht mehr erklärt, da dies bereits im allgemeinen Teil erfolgt ist.

11 Niepelt Manfred, Hannberger Skizzen, Weisendorfer Bote aus dem Seebachgrund -Historische Geschichten und Ereignisse zwischen Regnitz, Aisch und Aurach, Erlangen 1995, Seite 149, künftig zitiert als „Niepelt“

3.2.1 Büchenbach

Wie bereits im allgemeinen Teil ausgeführt, ist der Standort einer Kirche bedingt durch die Besiedlung unseres Raumes und die damit verbundene Anlage von Königshöfen. Büchenbach wurde als ein solcher Königshof errichtet. Urkundliche Erwähnung’“ erfährt Büchenbach am 21. Januar des Jahres 996, als das Dorf „Bouchinebah“ – was wohl soviel wie „Ort am Buchen bestandenen Bach“ bedeutet – von Kaiser Otto III. an den Stift St. Stephan in Mainz verschenkt wurde. Eine jedoch wohl sehr kleine Kirche war sicherlich schon vorhanden, da in der Schenkungsurkunde auch eine „ecclesia“ erwähnt wird. Die Kirche dürfte zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht „befestigt“ gewesen sein.

In der Heimatforschung wird davon ausgegangen, dass das heutige Büchenbach und der Königshof nicht exakt an der gleichen Stelle liegen. Die Pfarrei Büchenbach ist erst 1306 urkundlich nachgewiesen. Der damit verbundene Kirchenbau entspricht zunächst jedoch nicht der klassischen Bauweise einer „befestigten Dorfkirche“, nämlich massiver, steinerner Chor- (Ost-) Turm mit eventuell einem eher als winzig zu bezeichnenden Gemeindehaus. Es wurde vielmehr untypisch ein großer, heller Chorbau mit seitlich angeordnetem Turm errichtet. Vermutlich erst nach dem Überfall durch Nürnberger Söldner im August des Jahres 1449 wird die Kirchenanlage befestigt. Sie erhält eine drei bis vier Meter hohe, mit Stützpfeilern versehene, umlaufende Mauer mit einem offenen Wehrgang aus Holz. Bezüglich der Bauweise der befestigten Kirchen kennen wir entsprechend den Ausführungen des allgemeinen Teiles die unterschiedliche Typisierung. Da die Art der Befestigung der Büchenbacher Wehrkirchenanlage weder Eck- oder Mauertürme noch einen überdachten Wehrgang hat, handelt es sich hier um den „frühen“ Typ I. Zusätzlich umgibt die Anlage noch ein Graben, was für eine Kirchenburg zwar bekannt, jedoch eher ungewöhnlich ist. Über eine hölzerne Zugbrücke erreicht man den nördlich gelegenen Haupteingang mit dem Torhaus. Weitere vorgenommene Baumaßnahmen betreffen den Kirchturm. Dieser wird erhöht. Er hat nun einen quadratischen Grundriss von 6,4 Meter und ist, mit insgesamt vier Stockwerken, 42 Meter hoch.

Bezüglich der heute noch vorhandenen Teile der Büchenbacher Wehrkirchenanlage ist festzustellen:

  • Der damalige Wehrgang ist, da er aus Holz bestand, nicht mehr erhalten. Auch das Torhaus des Haupteinganges ist nicht mehr vorhanden.
  • Die hölzerne Zugbrücke, die früherden Graben überspannte, ist im 18. Jahrhundert durch eine Brücke aus Stein ersetzt worden. Der ehemalige Friedhof ist seit 1952 eingeebnet und heute zu einer Grünanlage umgestaltet. Der umlaufende Graben wurde 1969 zugeschüttet und eingeebnet. Wie bereits ausgeführt ist das Untypische der Büchenbacher Wehrkirchenanlage der Kirchenbau selbst.

Welche Erklärung gibt es hierfür?

Die Mark Büchenbach war bis zum Beginn der Zeit der territorialen Kleinkriege beziehungsweise des Dreißigjährigen Krieges ein Gebiet mit hoher wirtschaftlicher Ertragskraft und hoher ökonomischer Bedeutung. Im Verlauf der zeitgeschichtlichen Entwicklung fiel die Mark Büchenbach dem Bamberger Dompropst zu. Dieser verfügte für seine domstiftliche Pfarre – zu deren Sprengel gehörten alle Dörfer des Seebachgrundes und damit unter anderem auch Hannberg – nicht zuletzt wegen dieses ihres Reichtums den Bau einer Kirche mit einem hellen, geräumigen und nicht minder repräsentativen Presbyterium.

3.2.2 Hannberg

Kirchturm mit 52 Meter

Kirchturm mit 52 Meter

Der massive Chor- (Ost-) Turm der Hannberger Kirchenburg ist – egal von welcher Seite man sich der Wehrkirche nähert – schon von weitem zu sehen. Man bezeichnet ihn deshalb auch als das „Wahrzeichen des Seebachgrundes“. Im Rahmen der allgemeinen Beschreibung von Wehrkirchenanlagen habe ich erläutert, dass eines der vielen unterschiedlichen Merkmale einer solchen Anlage unter anderen ihr Standort ist. Üblicherweise liegen Kirchenburgen auf einer Anhöhe, etwas abseits des Dorfes. Dieses ist sehr schön am Beispiel der Hannberger Wehrkirche**, diesem wirklichen Kleinod des Seebachgrundes, zu sehen. Durch den Ortsnamen, er wird bereits im 11. Jahrhundert als „Hagenenberhe“ urkundlich erwähnt, wird dieser Sachverhalt bestätigt. Die Bezeichnung „Hagenenberhe“ deutet nämlich auf einen umfriedeten (= gehegten) Ort auf einer leichten Anhöhe (= Berg) hin. Wahrscheinlich ist Hannberg aber bereits im 9. Jahrhundert, im Zuge der Besiedlung des heutigen Franken, als „Straßenwehr“ erbaut worden.

Eine Kapelle ist schon 1348 nachgewiesen. Während ein Teil der Heimatforscher dieses jedoch nicht in Zusammenhang mit dem Bau der Wehrkirche sieht, widerspricht R. Noppenberger12 dieser Meinung. Er identifiziert den Mesnerturm der Anlage, mit der Ölbergkapelle im Erdgeschoss, als diese Kapelle. Die Wehrkirche ist voraussichtlich in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts – genauer um 1486 – entstanden. Einen entsprechenden Hinweis finden wir als Jahreszahl an der Außen- (Süd-) Seite des Chor-Turmes. Aber auch in diesem Fall mahnt R. Noppenberger 12 Vorsicht walten zu lassen, denn in diesem Jahr kam auch Markgraf Albrecht Achilles, später einer der sieben Kurfürsten, zu Tode. Möglicherweise weist die Jahreszahl ja auf dieses Ereignis hin. Die äußeren Mauern der Wehranlage bilden ein Rechteck von 7012 mal 50 Metern. Die Mauerhöhe schwankt zwischen fünf Metern auf der Nord-Süd-Seite und acht Metern auf der Westseite.

12  Vgl. Noppenberger Robert, Hannberg im Wandel derzeit, unveröffentlichter Vortrag vom 23. April 1998, für alle Zeit – und Maßangaben in diesem Kapitel, künftig zitiert als „Noppenberger“
** siehe: Anhang, Seite 12,13, 14 und 15

Die Mauer ist eine sogenannte Füllmauer aus Buckelquadern und hat eine Stärke von 110 Zentimetern in Erdhöhe und von 55 Zentimetern an der Krone. Die letzte Steinreihe wird durch liegende Sandsteindreiecksäulen gebildet, die durch ihre Dachform dafür sorgen, dass Regenwasser ablaufen kann und damit Frostschäden am Stein vermieden werden können. Zunächst stellt man sich schon die Frage, wie die Einwohner von Hannberg eine 240 Meter lange Mauer verteidigen konnten? Anders sieht die Sache aus, wenn man bedenkt, dass die Wehrkirchenanlage nicht nur Fluchtburg für die Hannberger war, sondern auch den Bauem/der Bevölkerung aus Hesselberg, Dannberg, Klebheim, Röhrach, Niederlindach, Hessdorf, Dechsendorf, Großenseebach sowie Ober-, Mittel- und Untermembach Zuflucht gab. Die Gesamteinwohnerzahl der vorgenannten Ortschaften dürfte zur Zeit der Errichtung der Anlage bei ca. 750 Personen gelegen haben und davon waren schätzungsweise ca. 170 Männer im wehrfähigen Alter. Die Mauer der Wehrkirchenanlage hat zu Verteidigungszwecken drei Rundtürme und einen viereckigen Turm sowie den Mesnerturm, der später die Schule aufnehmen sollte. Im Erdgeschoss des Mesnerturms befindet sich heute die Ölbergkapelle. Der Turm an der Süd- Ost- Seite der Mauer ist aufgekragt. In etwa der Mitte der Westseite befand sich die ehemalige Pfarrscheune. Heute finden wir hier die Pfarrbücherei und das Jugendheim. Wie aus der Bausubstanz geschlossen werden kann, dürften an der Westseite der Mauer noch weitere drei Türme vorhanden gewesen sein. Diese sind jedoch wohl, über die Zeit gesehen, Umbaumaßnahmen zum Opfer gefallen. Der Zugang zur Anlage erfolgt über ein Tor. Dieses war wohl in der ursprünglichen Form mit einem Torhaus überbaut und durch zwei Türme gesichert. Im Jahre 1745 wurde das Torhaus in ein Schulhaus mit Lehrerwohnung umgebaut. In diesem Zusammenhang sind dann möglicherweise die zwei Türme, über die das Tor geschützt werden konnte, abgetragen worden. In einem Türflügel des Tores ist ein Schlupfloch angebracht, dass Nachzüglern im Verteidigungsfall noch den Zugang in den Kirchhof ermöglichen sollte. Es ist so klein, dass ein Erwachsener sich durchzwängen muss.

Auf der Außenseite ist das Schlupfloch vollständig mit einer Eisenplatte bedeckt, während die Innenseite nur mit zwei Eisenbändern beschlagen ist.
In den 70-er Jahren des 19. Jahrhunderts wurden Teile der Wehrmauer zum Bau einer Schule abgetragen. Da, wie bereits gesagt, die Hannberger Anlage dem „Typus II“ entspricht, bleibt noch die Frage nach dem Wehrgang zu beantworten. Diese ist strittig. Während R. Noppenberger 12 das Vorhandensein eines Wehrganges ausschließt, finden wir bei E. Rühl1s und K. Kolb 9 die entgegengesetzte Meinung.

Wehrturm Nordseite mit Schießscharten

Wehrturm Nordseite mit Schießscharten

Jedoch bleiben beide den eindeutigen Beweis – zum Beispiel durch zeitgenössische Darstellung – schuldig. Die Argumentation von R. Noppenberger 12 ist meiner Meinung nach jedoch auch nicht zwingend. Er sieht durch die Mauertürme, die auch eine seitliche Verteidigung zulassen, keine Notwendigkeit eines Wehrganges. Wenn dieses Argument zutreffend wäre, warum haben dann die Anlagen von Effeltrich und Kraftshof, die eine identische Bauweise haben, besagten Wehrgang?
Überragt wird die gesamte Wehrkirchenanlage von dem mächtigen, 47 m hohen Chor- (Ost-) Turm. Der Turm war ursprünglich höher. Im Jahr 1864 werden jedoch Teile des Turms durch einen Blitzschlag vernichtet. Nach der Instandsetzung, die sich über einen Zeitraum von ca. zwei Jahren erstreckt, ist der Turm um ca. fünf Meter niedriger. Dieser Wehrturm ist in seinem Grundriss rechteckig und misst 8,70 Meter x 8,30 Meter. Seine Mauern sind 1,10 Meter dick. Er besitzt vier Stockwerke. Das Untergeschoss beherbergt den Chor der Kirche. Im zweiten Geschoss ist das Uhrwerk untergebracht. Zu Verteidigungszwecken ist das dritte Geschoss mit zahlreichen Schießscharten versehen. Im letzten, dem vierten Geschoss finden wir das Geläut. Oberhalb dieses Geschosses beginnt der spitze, achteckige Pyramidenhelm, der von einem Kreuz gekrönt wird

9 Vgl. Kolb Karl, Wehrkirchen Kirchenburgen in Franken, 2. Auflage, Würzburg 1977 Seite 152, künftig zitiert als „Kolb“

12  „Noppenberger“ a.a.O. Seite 12 1S „Rühl“ a.a.O. Seite 59

An der Stelle, an der das Dach ansetzt, finden wir vier kleine Eck-(Scharwacht-) Türmchen. Sie sind gerade so groß, dass sich ein einzelner nicht zu großer Erwachsener hineinstellen kann. Sie sind sechseckig und sitzen verkantet auf den Ecken des Turmes. Aus Gründen der Verteidigung sind die einzelnen Stockwerke sinnvoller Weise nicht direkt miteinander verbunden. Um vom Untergeschoss in die oberen Stockwerke zu gelangen, muss man von der Empore über eine Leiter das Dach des Langhauses ersteigen. In der Höhe des Dachbodens befindet sich dann der Eingang zum Turm. Er ist ziemlich eng, so dass immer nur ein einzelner Mensch durchschlüpfen kann. Ein massiver Steinturm bietet weiterhin den Vorteil, dass die darin befindlichen Schutzsuchenden nicht ausgeräuchert werden konnten. Im Jahre 1964 wird der Turm renoviert. Um ca. 1721 erfolgt der Umbau des Kirchenlängsschiffes unter Beibehaltung der Baulichkeiten des Turmes. Das neue Längsschiff hat eine Länge von ca. 26 Metern und ist mit einer Breite von 11 Metern nur unwesentlich breiter als der Turm. Das Langhaus war früher ca. sechs Meter kürzer als heute. Zum Jubiläumsjahr, 1986, werden an der Kirche umfangreiche Restaurierungsarbeiten durchgeführt. Ziemlich sicher scheint die Tatsache zu sein, dass die Anlage einen unterirdischen Fluchtweg hatte. Bei Baggerarbeiten im Dezember 1958 wurde, am Kriegerdenkmal beginnend, ein einige Meter langer Gang entdeckt. Ein erwachsener Mensch konnte sich darin in gebückter Haltung bewegen. Der Gang war aber bereits nach einigen Metern zugeschüttet.

Im Jahr 1962 werden die alten Gräber des Kirchhofes eingeebnet und ein Rasen angelegt. Wie bei allen historischen Bauwerken stelle ich mir auch hier die Fragen: Wer mag das geplant haben? Wer hat es ausgeführt und woher kam das Material? Nicht zuletzt fragt man sich, wer das alles wohl finanziert haben mag. Auf Grund der architektonischen Stilmittel wird die Planung der Anlage dem Nürnberger Stadtbaumeister Hans Behaim dem Älteren – oder einem seiner Söhne – zugeschrieben. 21

An Hand der vorhandenen Steinmetzzeichen wissen wir, dass bis zu vierzehn Steinbauhütten an der Errichtung beteiligt waren. „Das Steinmaterial … stammt[e] aus den Brüchen der näheren Umgebung. Mauersteine wurden früher aus den dickbankigen, zwei bis drei Meter starken Lagen des Mittleren und Oberen Burgsandsteines abgebaut, und zwar in den Steinbrüchen am Haderholz, an der Vogelleite, am Vorderen und Hinteren Gießberg, auf der Sorg, auf der Reuther Höhe, am Geiersberg, im Steinbruchschlag und in den Abteilungen Steinbrüche des heutigen Staatsforstes. Es ist graues bis weißes und mittel- bis feinkörniges Material mit jeweils lagerorttypischen Einschlüssen.“ 11 In der Zeit, in der diese Anlage errichtet worden ist, wechselten die -zunächst hochherrschaftlichen – Besitzverhältnisse durch Schenkung, Verkauf oder Raubzüge sehr häufig. Das Gebiet um Hannberg gehörte um 1500 den Nürnberger Patriziern, die es zur Sicherung des ,,Land[es] vor den Toren“11 und damit zu ihrer und der Versorgung der Stadt erworben haben dürften. Dies vorausgesetzt darf man auch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehmen, dass die Kosten für den Bau der Anlage auch durch den Nürnberger „Geldadel“ finanziert worden ist.

11 „Niepelt“ a.a.O. Seite 144, 156 und 157

3.2.3 Effeltrich

Wehrgang Effeltrich

Wehrgang Effeltrich

Als „Affeltere“, was wohl soviel wie „Ort der vielen Apfelbäume“ bedeutet, wird Effeltrich 1121 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Die Dorfgründung erfolgte aber vermutlich bereits im 9. oder 10. Jahrhundert als Königs- (Bauern-) hof der karolingischen (Reise-) Pfalz Forchheim.
Effeltrich™ wurde mehrfach Opfer der bereits beschriebenen territorialen Kleinkriege und allein während des 1. Markgrafenkrieges zweimal zerstört. Diese Zerstörungen waren das auslösende Moment für den Bau der Kirchenburg.

Der Grundriss der Anlage entspricht annähernd einem Rechteck mit einer Seitenlänge von ca. 509 Metern. Eine Ecke, und zwar die der östlichen Seite, ist abgeschrägt, wodurch sich letztlich die Form eines Fünfecks ergibt. Drei Mauerecken sind durch Rundtürme bewehrt. Aus der heute noch vorhanden Bausubstanz erkennt man, dass an der vierten Ecke sehr wahrscheinlich ein viereckiger Turm vorhanden war. Das fünfte Eck wird durch das schräggestellte Torhaus gebildet. Vor 1914 durchgeführte Ausgrabungen lassen die Schlussfolgerung zu, dass sich vor dem Torhaus sehr wahrscheinlich ein Waffenplatz als Vorwerk befunden hat. Die unterschiedliche Ausführung der Schießscharten, wir finden innerhalb der Anlage sowohl die sehr einfachen, T-förmigen Armbrustscharten als auch die schlüsselförmigen Hakenbüchsenscharten, lässt darauf schließen, dass zunächst die Ostseite mit dem Torbau und danach, in chronologischer Reihenfolge, die Nordostseite, die Nordwestseite und als letztes, da jüngstes Element der Westturm gebaut wurde. Die Mauer ist ca. 8 Meter bis 9 Meter hoch und 1,3 Meter dick. Die Rundtürme sind ca. 11 Meter hoch „mit steil aufgeworfenen, polygonalen Spitzkegeldächern.“ 25 Der Zugang erfolgt über ein – heute nicht mehr vorhandenes – Doppelturmtor. Vermutlich im 16. Jahrhundert wurde der große Erker dem östlichen Befestigungsteil hinzugefügt.

Vgl. „Kolb“ a.a.O. für alle Zeit – und Maßangaben in diesem Kapitel ** siehe: Anhang, Seite 16 und 17
 25 Zeune Dr. Joachim, St. Georg in Effeltrich – Trachtendorf mit Kirchenburg und 1000 jähriger Linde, Schnell Dr. Hugo ( Hrsg.), Kunstführer Nr. 1018, 3. Auflage, München 1992, Seite 3, künftig zitiert als „Zeune“ 23.

„Seine stichbogige Außennische mit Kielbogen, Krabben und Fialen birgt eine Reiterfigur des Kirchenpatrons St. Georg aus dem frühen 16. Jahrhundert. Ursprünglich stand in dieser Nische wahrscheinlich jedoch die heute im Kircheninneren aufbewahrte spätgotische Standfigur dieses Heiligen.“ 25 Nach einer vermutlich im Jahre 1552 erfolgten Plünderung wurde die südöstliche Befestigung neu erstellt und dabei auch der Verlauf der Ringmauer leicht verändert. Der dazugehörige Eckturm wurde bei der Erneuerung als Viereckturm erstellt. „Vom Kirchhof führten in die Mauerabschnitte eingefügte Kragtreppen zu den 0,8 m breiten Wehrgängen, die auch um die Innenseiten der Ecktürme herumliefen und somit separaten Zugang zu den Turmobergeschossen ermöglichten.“25 Ein Abtritterker, Rauchabzugöffnungen und eine Bodenluke lassen die Vermutung zu, dass das Obergeschoss des Westturmes zeitweise bewohnt war. Eine Besonderheit dieser Wehrkirche ist die Einbeziehung des Kirchturms in die Verteidigungsbefestigung. Als letzter Zufluchtsort stand dieser im ersten Stock über einen Holzsteg mit dem südöstlichen Wehrgang in Verbindung.

An der Eingangsseite der Kirchenburg und der Südwestfront ist ein ehemaliger – wohl mit Wasser gefüllter – Wehrgraben sichtbar, da vermutlich dies die gefährdetste Seite war. Von Mitte des 17. Jahrhunderts bis 1881 gehörte die Kirche zum Sprengel der Pfarrei Kersbach. Diese nutzte die Kirchenburg in den Jahren 1809, 1813 und 1835 – aus unserem heutigen Verständnis für Kulturgüter heraus, wie es dieses Kleinod einer Kirchenburg ist in frevelhafter Weise – als Steinbruch, so dass der Wehrgang nur noch in der Ostkurtine erhalten geblieben ist. Der Standort für die Wehrkirche ergab sich durch den Standort einer älteren, seit 1433 existierenden Kapelle. Diese lag im Westen des Ortes auf einem leicht ansteigenden Hang. Zur Zeit der Errichtung der Kirchenburg – um ca. 1470 bis 1490 – war die Gemeinde Effeltrich eine Filiale der „Pfarre“ von Neunkirchen.

25 „Zeune“ a.a.O. Seite 3 und 4

Vergleichen wir die Kirchenbürgen von Hannberg und Effeltrich, fallen auch einem Laien auf architektonischem Gebiet unschwer gleiche Stilmittel auf, so dass wir die Planung dieser Anlage auch dem Nürnberger Stadtbaumeister Hans Behaim dem Älteren zuschreiben können. Bekräftigt wird diese Annahme durch zwei Tatsachen:

  • Zum einen sind es die „…sorgfältig gefertigte[n] Baudetails, wie Glatt-, Buckel- und Bossenquader oder Rundbogen- und Schulterbogentüren, [die] von hochstehender Steinmetzarbeit zeugen…“25
  • Zum anderen sind in der Anlage Steinmetzzeichen vorhanden, die identisch sind mit denen an der Kaiserstallung der Burg in Nürnberg.

25 „Zeune“ a.a.O., Seite 5, (Original: „Während sorgfältig gefertigte Baudetails, wie Glatt-, Buckel- und Bossenquader oder Rundbogen- und Schulterbogentüren, von hochstehender Steinmetzarbeit zeugen, signalisieren mehrere Bau- und Stoßfugen innerhalb der einzelnen Kurtinen, die nicht in die Ummauerung eingebundenen Rundtürme sowie die unzweckmäßige Disposition und Ausführung der Schießscharten eine schlecht geplante, etappenweise, mangelhafte Bauausführung.“)

3.2.4 Kraftshof

Kraftshof - Eingang Wehrkirche

Kraftshof – Eingang Wehrkirche

Kraftshof wird 1269 als „Craphteshof zum ersten Mal urkundlich erwähnt. „Einzigartig malerisch und bezaubernd wirkt von fern die Silhouette der Kraftshofei‘ Wehrkirche mit ihren mächtigen Mauern und Türmen. Trotz des trutzigen Baus, der einst in unruhigen Zeiten der Bevölkerung und ihrer Habe Schutz vor dem Zugriff des Feindes bot, verbreitet das Kirchlein heute aber ehe eine Atmosphäre friedvoller Ruhe und Harmonie, fernab von der Hektik unserer Zeit.“17 So empfindet derjenige, der sich der Kirchenburg genähert, die Anlage betreten und eine Zeit darin verweilt hat.

Die Anlage entspricht bezüglich ihrer Architektonik dem „Typus II“. Die Chorturm – Kirche von Kraftshof ist wahrscheinlich 1315 geweiht worden. Zu diesem Zeitpunkt war der kapeilenartige Bau eine Filialkirche der „Mutterpfarre“ St. Peter und Paul in Poppenreuth. Zwischen 1438 und 1440 erhält die Kirche ihre heutigen Abmessungen. Der Chor (Ost-) Turm war in seinem ursprünglichen Aufbau ein „Fünfknopf. Dies lässt sich durch eine vermutlich um 1530 entstandene Aquarellzeichnung aus dem Wappenbuch des Christian Kreß von Kressenstein belegen. Das heutige Aussehen des Turms geht wohl auf das Jahr 1556 zurück. Zu diesem Zeitpunkt erhielt „das Glockengeschoss sein heutiges Aussehen mit den rundbogigen Schallöffnungen und dem Spitzhelm als Bedeckung“ 17. Die unteren drei Geschosse entsprechen noch der ersten Bauausführung. Die die Kirche und den ehemaligen Kirchhof umgebende Wehranlage ist zwischen 1505 und 1510 errichtet worden, wahrscheinlich um Kraftshof zu einem militärischen Stützpunkt der freien Reichsstadt Nürnberg auszubauen. Die Wehranlage hat die Form eines unregelmäßigen Fünfecks. Die Mauer hat eine Firsthöhe von ca. 817 Metern und ist ca. 1,30 Meter stark. Die Ecken sind durch Türme befestigt, die nach außen vorkragen. Die Türme tragen Spitzhelme, die mit „roten, nach unten spitz zulaufenden Ziegeln, den sogenannten Kirchen-mäuslein, gedeckt“ 17 sind.

xx siehe: Anhang, Seite 18,19 und 20
 17 Rusam Hermann, Die Wehrkirche St. Georg zu Kraftshof im Koblauchsland bei Nürnberg, Jahrbuch des historischen Vereins für Mittelfranken, 92. Band, Ansbach 1984 – 1985, Seite 35, 39 und 37, künftig zitiert als „Rusam“
 17 „Rusam“, a.a.O. für alle Maßangaben in diesem Kapitel

Im Obergeschoss des Südostturmes befindet sich eine Kapelle, die Hauskapelle der Freiherren Kreß von Kressenstein, und das Untergeschoss diente als Karner, also Gebetshaus. Im Jahr 1806 erließ das Königreich Bayern ein Verbot von Bestattungen in Kirchen. Aus diesem Grund wurde der Karner zur Familiengruft der Freiherren Kreß von Kressenstein umgewandelt. An den Nordostturm wurde 1821, nach Westen hin, ein Schulhaus, das heutige Gemeindehaus, angebaut. Das Tor als einziger Zugang zur Wehranlage liegt in der schmälsten, dem Dorf zugewandten Seite. Auf dem das Tor überbauenden Torhaus sitzt seit dem 1600 Jahrhundert das erweiterte „Kantorshaus“. Dieses diente Jahrhunderte lang als Wohnung des Lehrers. Durch das „Läuferlein“, das ist die „Fußgängertür“ im Tor, betritt man den Kirchhof. Dieser diente bis 1870 zur Bestattung der Toten der umliegenden Dörfer. Wir finden in dem Kirchhof noch eine Reihe – 37 Stück – der für das Nürnberger Gebiet charakteristischen sarkophagähnlichen Grabsteine mit zum Teil wertvollen Bronzeepitaphien. Durch die Grabsteine erhält der Friedhof einen sehr eigenartigen Reiz.

Im Jahre 1943, in der Nacht vom 25. auf den 26. Februar, warf ein britisches Bombergeschwader Brandbomben und -kanister ab. Die St. Georgskirche brannte bis auf die Außenmauern nieder. Nach Kriegsende ging die Gemeinde unter Pfarrer Johann Freymann an den Wiederaufbau. Im Herbst 1949 konnte die provisorisch eingerichtete Kirche wieder dem Gottesdienst geweiht werden.
Einen großen Beitrag zum Wiederaufbau der Kirche leistete die „Samuel Kress Foundation“, gegründet von einer in den Vereinigten Staaten von Amerika lebenden Nebenlinie der Kressischen Familie. Am 15. August 1952 fand die endgültige Einweihung statt. Auf zwei interessante Einzelheiten möchte ich besonders hinweisen und eingehen:
Bei der einen handelt es sich um zwei „Abwehrmasken“, die, laut Rusam17, bisher in keiner Arbeit über die Wehrkirche in Kraftshof Erwähnung gefunden haben.

17 Vgl. „Rusam“, a.a.O., Seite 37

Im südöstlichen Eckturm der Wehranlage befinden sich zwei reliefartige Abwehrmasken. „Die eine Maske befindet sich knapp drei Meter über dem Boden auf der Südseite des Turmes, dicht unterhalb des vorkragenden Wehrganges. … [Es ist] ein dämonenhaftes Gesicht mit spitzem Kinn und zwei Hörnern oder Ohren auf dem Kopf. Die zweite Maske ist in viereinhalb Meter Höhe rechts unterhalb einer L-förmigen Schießscharte an der Südwestseite des Turmes angebracht. [Ein] Kopf … im Profil [ist] zur Fratze verzerrt… mit schelmisch lächelndem Mund [dargestellt]“17. Der Sinn der Masken liegt wohl darin: Den Feind zu erschrecken und dadurch gleichzeitig abzuschrecken und zu verscheuchen. Bei der zweiten handelt es sich um den „Wetzstein“. In etwa 2 Meter Entfernung, rechts vom Tor, fällt ein Stein auf, der Rillen hat. Bei den Rillen handelt es sich wohl um sogenannte „Wetzrillen“. Welcher Sinn oder Zweck steckt nun dahinter? Zum Entzünden des Osterfeuers verwendete man früher eine hölzerne Scheibe, das sogenannte Feuerrad. Durch Drehen und Andrücken der Scheibe an diesen Stein in der Mauer entzündete sich das entstandene Holzmehl und nach und nach bildeten sich die Rillen aus. Die Wehrkirche von Kraftshof ist die jüngste einer kleinen Gruppe architektonisch eng verwandter fränkischer Kirchenburgen. Zu dieser Gruppe, die in der ersten Dekade des 16. Jahrhunderts entstanden ist, gehören die Wehrkirchen von Effeltrich, Hannberg und Hetzles. Die Anlage von Effeltrich wird in der Literatur als der „Prototyp“ der dieser Gruppe angehörenden Kirchenburgen betrachtet. Da, wie wir wissen, der Nürnberger Stadtbaumeister Hans Behaim der Ältere wohl für die Planung der Anlagen von Effeltrich und Hannberg verantwortlich zeichnet, dürfte das in gleicher Weise auch für die Anlage von Krafts hof zutreffen.

17 „Rusam“, a.a.O., Seite 37 (Original: „Die eine Maske befindet sich knapp drei Meter über dem Boden auf der Südseite des Turmes, dicht unterhalb des vorkragenden Wehrganges. Sie zeigt in Vorderansicht ein dämonenhaftes Gesicht mit spitzem Kinn und zwei Hörnern oder Ohren auf dem Kopf. Die zweite Maske ist in viereinhalb Meter Höhe rechts unterhalb einer L-förmigen Schießscharte an der Südwestseite des Turmes angebracht. Der Kopf ist im Profil dargestellt, zur Fratze verzerrt und mit schelmisch lächelndem Mund – vielleicht eine Spottfigur.“)

4 Schlussbetrachtung

Kein Kirchenbau hat die Verheißung der Ewigkeit, keiner ist unersetzlich, jeder kann uns genommen werden, wenn die Kraft erlischt, die ihn rechtfertig.x

Im Rangau gab es wesentlich mehr Kirchenburgen als wir heute auf den ersten Blick sehen. Viele sind durch Kriegseinwirkungen – sowohl der territorialen Kleinkriege, des Dreißigjährigen Krieges aber auch im zweiten Welt -krieg – zum Teil, einige sogar erheblich, zerstört worden. Andere dienten als Steinbrüche, weil zum einen – bedauerlicherweise – der kulturelle Weitblick und der Gedanke des Denkmalschutzes noch nicht vorhanden war; aber zum anderen durchaus Armut dazu gezwungen hat.

Bei Betrachtung der bis heute erhaltenen Anlagen können wir feststellen, …„daß die Verbindung (von) Kirche und Befestigung in einer ästhetisch … befriedigenden Weise durchgeführt wurde.“… [und] daß bei allen Lösungen … doch immer ein starker künstlerischer Instinkt mitspricht,… “ 19 Die Chor- (Turm-) Kirchen mit Langhaus erfahren über die Zeit ihrer Existenz hin viele Veränderungen. So wurden viele Türme beziehungsweise Turmabschlüsse erneuert, vor allem bedingt durch das Einbringen des Geläutes und damit durch ihren Ausbau als Glockenturm. Die wohl stärkeren Änderungen beziehungsweise Vergrößerungen haben in der Barockzeit die Längsschiffe erfahren. Aus historischen, kunstgeschichtlichen, volkstümlichen, religiösen und aus soziologischen Gründen handelt es sich bei den Kirchenburgen um sehr Schützens- und erhaltenswerte Anlagen. Sie geben uns – trotz vieler Umbauten und der seit ihrer Existenz stattgefundenen Zerstörungen – einen charakteristischen Einblick in das mittelalterliche Leben.

 x Kalenderblatt „Caritas-Kalender, 2002“
 19 „Scheven“, a.a.O., Seite 5 (Original: „Sind es doch nicht nur romantische Reize, die uns zu diesen beredten Zeugen mittelalterlichen Lebens hinziehen, vielmehr können wir noch oft verfolgen, obwohl die Anlagen meist nur in sehr zerstörtem Zustand erhalten sind, daß die Verbindung von Kirche und Befestigung in einer ästhetisch wirklich befriedigenden Weise durchgeführt wurde. Der malerische Reiz ist eben nicht bloß ein Nebenprodukt des Zufalls, sondern was G. Dehio von der Nürnberger Stadtbefestigung sagt, „ daß bei allen Lösungen, wenn sie zunächst auch auf den fortifikatorischen Zweck gerichtet sind, doch immer ein starker künstlerischer Instinkt mitspricht,“ gilt gleicher Weise von der Befestigung der Dorfkirchen in Nürnbergs Dunstkreis, wie überhaupt von den befestigten Kirchen, je nach dem Grade künstlerischer Kultur des Bodens, dem sie entsprossen sind.“)

5 Literaturverzeichnis / Quellenangaben

1) Bresler Gerhard, 1000 Jahre Erlangen mit näherer Umgebung Chronik in Bildern, 1. Auflage, Erlangen, 1990
2) Brons Bernhard, Leben mit einer Wehrkirche – am Beispiel St. Georg in Kraftshof ( Nürnberg ), Verein für christliche Kunst in der evangelisch-luthe -rischen Kirche in Bayern e. V. ( Hrsg.), Kirche + Kunst 1-96, Erlangen, 1996
3) Brons Dr. Bernhard, Die Wehrkirche St. Georg in Nürnberg-Kraftshof,
Evang. – Luth. Pfarramt St. Georgskirche ( Kraftshof) ( Hrsg.),
4) Deuerlein Dr. Ernst, Effeltrich und die anderen befestigten Dorfkirchen, Erlanger Heimatblätter Nr. 33, Beilage zum Erlanger Tagblatt, Erlangen, 1919
5) Fick D. Johann Christian, Erlangen und dessen Umgebung mit Anweisungen und Regeln für Studierende, 2. erweiterte Auflage, Erlangen, 1977
6) Funk Dr. Wilhelm, Karner auf fränkischen Landfriedhöfen, Die Heimat -Organ des „ Historischen Vereins Neustadt an der Aisch u. Umgebung, Nr. 22, Beilage zum „Neustädter Anzeigeblatt“, Neustadt a. d. A., 1933
7) Gäbelein Klaus – Peter, Aus der Geschichte Hannbergs und seiner Pfarrei 1486 – 1986, Pfarrei Hannberg ( Hrsg. ), Herzogenaurach, 1986
8) Hartmann Johannes, Das Geschichtsbuch, Von den Anfängen bis zur Ge -genwart, 526. – 582. Tausende Auflage, Frankfurt am Main, August 1963
9) Kolb Karl, Wehrkirchen Kirchenburgen in Franken, 2. Auflage, Würzburg, 1977
10) Leipold Regine, Katholische Pfarrkirche St. Xystus Erlangen – Büchenbach, Cultheca – Kirchenführer ( Hrsg.), Regensburg, 2000
11) Niepelt Manfred, Hannberger Skizzen, Weisendorfer Bote aus dem See -bachgrund Historische Geschichten und Ereignisse zwichen Regnitz, Aisch und Aurach, Seiten 141 – 186, Erlangen, 1995
12) Noppenberger Robert, „Hannberg im Wandei der Zeit“ Vortrag am 23. April 1998 im Andreassaal der Hannberger Kirche ( nicht veröffentlicht)
13) Pleticha Heinrich ( Hrsg.), Deutsche Geschichte, Band 1, Vom Frankenreich zum Deutschen Reich 500 – 1024, Güthersloh, Sonderausgabe 1987
14) Ribbe Wolfgang, Henning Eckart, Taschenbuch für Familiengeschichts -forschung, Schriftkunde ( Paläographie ), 9. erweiterte und verbesser -teAuflage, Neustadt an der Aisch, 1980
15) Rühl Dr. Eduard, Kulturkunde des Regnitztales und seiner Nachbargebiete von Nürnberg bis Bamberg aufgezeichnet an Kulturdenkmälern, Bamberg, 1932
16) Rühl Dr. Eduard, Kulturkunde des Pegnitztales und seiner Nachbargebiete, Schriftenreihe der Altnürnberger Landschaft, Band V, Nürnberg, 1961
17) Rusam Hermann, Die Wehrkirche St. Georg zu Kraftshof im Knoblauchsland bei Nürnberg, Jahrbuch des historischen Vereins für Mittelfranken, 92. Band, Ansbach, 1984- 1985
18) Sandweg Jürgen, Büchenbach: Königsgut – Kirchdorf – Stadtteil, 1000 Jahre 996 – 1996 Büchenbach Erlangen, Festschrift, Verein 1000 Jahre Büchen -bach e. V. ( Hrsg.), Büchenbach, 1996
19) Scheven Friedrich, Die mittelalterlichen Befestigungen der Dorfkirchen im Regnitzgau, Dissertation, Erlangen, 1914
20) Schmidt Georg, Der Dreissigjährige Krieg, 2. überarbeitete Auflage, München, 1996
21) Trüb E., Die kath. Pfarrkirche St. Xystus Erlangen – Büchenbach, Katholisches Pfarramt Erlangen – Büchenbach ( Hrsg.),Erlangen, 1980
22) Vogt Gerhard, Erlangen – Streifzüge durch Stadt und Geschichte, Erlangen, 1980
23) Wendehorst Alfred ( Hrsg. ), Fränkische Landeskunde und historische Landeskunde Grundsätzliches – Methodisches – Exemplarisches, Die mittelalterlichen Grundlagen des historischen Raumes des Landkreises Karlstadt, München, 2001
24) Wömer Hans Jakob, Wehrkirche Hannberg, Schnell Dr. Hugo ( Hrsg. ), Kunstführer Nr. 1001,1. Auflage, München – Zürich, 1977
25) Zeune Dr. Joachim, St Georg in Effeltrich – Trachtendorf mit Kirchenburg und 1000 jähriger Linde, Schnell Dr. Hugo ( Hrsg. ), Kunstführer Nr. 1018, 3. Auflage, München – Zürich, 1992
26) Zoller Edmund, Fränkische Wehrkirchen im Rangau und im Knoblausland -Fränkische Wehrkirchenstrasse Teil 2, 2. Auflage, Uffenheim, 2000