Pressenotiz aus den Nordbayerischen Nachrichten vom 26. August 1971: 

Am Tag vorher, dem 25. August 1971 kam ein Aufnahmeteam des Bayerischen Rundfunks in den Seebachgrund zur Wehrkirche Hannberg. Die Bandaufnahmen werden in einer der nächsten Sonntagmittagssendungen ausgestrahlt — Die ganze Arbeit dauert nur eine Viertelstunde — Alter unterirdischer Fluchtgang von der Wehrkirche bis Neuenbürg wurde wiederentdeckt

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HANNBERG (fr) — Hannbergs Kirchenglocken läuten für Bayern. Gestern vormittag traf ein Aufnahmeteam des Bayerischen Rundfunks aus dem Studio Nürnberg in der Gemeinde ein, um den Klang des Geläutes auf Tonband zu konservieren. Die Aufnahme wird demnächst in einer der bekannten sonntägigen Zwölf-Uhr-Läuten-Sendungen ausgestrahlt, vielleicht schon Anfang September zum Patronatsfest Mariä Geburt oder am Wochenende darauf zum Kirchweihfest.

Die Frage, warum für diese bayerische Traditionssendung aus dem Landkreis Höchstadt gerade die Gemeinde Hannberg gewählt wurde, hat zwei Antworten. Einmal handelt es sich bei der alten Wehrkirche um eines der geschichtsträchtigsten sakralen Bauwerke in ganz Nordbayern, und zum anderen hatte die Pfarrgemeinde mit Rundfunkleuten entsprechenden Kontakt aufgenommen, der schließlich Erfolg zeigte.

Die Hannberger und die Bewohner der umliegenden Orte mögen sich nicht wenig gewundert haben, als zur ungewohnten Zeit um 10 Uhr plötzlich alle Kirchenglocken zu läuten begannen. Vor dem Kirchenportal stand der große Personenwagen des Aufnahmeteams, in dessen Kofferraum und Fond die elektronischen Aufnahmegerätschaften installiert sind. Das Tonband lief und hielt die von einem im Freien aufgestellten Mikrofon eingefangenen Glockenklänge in ihrer sonoren Harmonie fest. Anschließend schnitt der kontrollierende Toningenieur das Band sendegerecht anhand der Stoppuhr gleich an Ort und Stelle. Nach einer Viertelstunde war alles geschehen.
Laufe der nächsten Tage erwartet die Gemeinde noch einen Redakteur des Rundfunks, dem die Aufgabe obliegt, aus einem Interview mit Bürgermeister und Ortspfarrer den Text für die spätere Sendung zusammenzustellen.

Dieser Kommentar wirft sicherlich auch ein kurzes Streiflicht auf die alte Geschichte der Wehrkirche, die im 15. Jahrhundert errichtet wurde; der Kirchturm trägt die Jahreszahl 1486, Ihr Charakter als Fliehburg war damals wohlbegründet, denn Hannberg lag im Grenzgebiet zwischen den Herrschaftsgebieten der Fürstbischöfe von Bamberg und Würzburg einerseits sowie dem der freien Reichstadt Nürnberg. Die Scharmützel fanden vorwiegend in diesem Grenzgebiet des heutigen Rangaues statt, wobei sich die Bauern selbst schützen mußten.

Der alte Hannberger Kirchturm hatte keinen Eingang von außen. Seine Zinnen und erkerhaften Beobachtungstürme waren von der Erde aus bis etwa zur halben Turmhöhe nur über Strickleitern erreichbar. Ob die starke Sandsteinmauer rings um das zweimal, zuletzt um 1720 erweiterte Kirchenschiff einen hölzernen Wehrgang hatte, ist heute noch unter Historikern umstritten.

Als Fluchtburg verfügte die Kirche auch über einen unterirdischen Gang, der von der Stelle, an der heute einer der Beichtstühle steht, unter der Ortschaft hindurch in Richtung Westen mehr als zwei Kilometer weit bis zum Schloß Neuenbürg führte. Teile dieses unterirdischen Fluchtganges sind heute noch erhalten, das zeigte sich erst im vergangenen Jahr, als der Dorfplatz unterhalb der Kirche im Zusammenhang mit dem Straßenbau neu neu angelegt wurde.

Damals brach plötzlich eine der Baumaschinen ein: der alte Fluchtgang war eingestürzt. Und der Mesner weiß: Der Schritt an den Steinplatten vor dem Beichtstuhl in de Kirche klingt hohl. Hier muß der Eingang zu diesem kilometerlangen Stollen gewesen sein Ein weiterer Eingang befindet sich heute noch im Keller der ehemaligen Gastwirtschaft Winkelmann am Dorfplatz. Und im alte Schloß Neuenbürg schließlich muß sich ebenfalls noch ein Zugang befingen. Freilich wird der Stollen, den seit Jahrhunderten keines Menschen Fuß mehr betreten hat, an mehreren Stellen verfallen und kaum noch begehbar sein.

Die Glocken aus den frühen Jahrhunderte des alten Wehrkirchturms blieben noch bis in den zweiten Weltkrieg erhalten, bis sie für die Rüstung abgenommen und eingeschmolzen werden mußten. Nur eine von ihnen blieb übrig, die die Gemeinde aber 1951 einschmelzen ließ, um dadurch den Preis für die Anschaffung von vier neuen Glocken in tragbarem Rahmen zu halten. Dieses eherne Quartett wird bald über den Äther seine Stimm erheben, um von Hannbergs bewegter ‚Vergangenheit zu künden.

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