Hannberger Wehrkirche

Hannberger Wehrkirche

Autor: Robert Noppenberger im Rahmen einer Artikelserie für die Entstehung dieser Internetpräsenz, April  2013

Im folgenden Artikel beschreibt der Autor die Einzigartigkeit der Wehranlage Hannbergs bezüglich ihrer für die damalige Zeit extrem modernen Konzeption. Die Hannberger Baumeister hatten ihre Lehren aus den Niederlagen benachbarter Burgen und Wehrkirchen gezogen und neue Ideen in die Tat umgesetzt. Dies wird insbesondere in den Verteidigungsmöglichkeiten der Wehrtürme, des Kirchenschiffes und -turms sowie geschaffenen unterirdischen Fluchtgängen deutlich. Diese für die damalige Zeit sehr fortschrittliche Konzeption macht die Wehrkirche zu der ersten modernen Wehrkirche der beginnenden Neuzeit* (*Neuzeit beginnend mit Entdeckung Amerikas durch Christopher Kolumbus 1492).

Einflussfaktoren zum Bau der Wehrkirche

Die befestigte Kirche in Hannberg wird erstmals 1504 urkundlich erwähnt als ein “gutwer kirchaff” (ein starker Kirchhof). Wenn man die Entdeckung Amerikas im Jahre 1492 als Beginn der Neuzeit ansieht, wäre es allein von der Zeitrechnung aus gesehen die beginnende Neuzeit. Wird sie aber auch wehrtechnisch gesehen neuen Ansprüchen gerecht?

“Nihil sine cause” – nichts geschieht ohne Ursache

Es muss vorher ein kriegerisches Ereignis stattgefunden haben, das schließlich zum Bau der Wehranlage führte. Wir wissen von den Hussiteneinfällen zwischen 1420 bis 1434, die aber den Seebachgrund nicht berührten. Im Jahre 1453 eroberten die Türken Konstantinopel und stießen ins südöstliche Europa vor, was zu einer enormen Türkenangst im christlichen Abendland führte.

Hannberger Wehrkirche

Hannberger Wehrkirche

Ausschlaggebend aber dürfte ein Ereignis gewesen sein, von dem in unseren Schulgeschichtsbüchern nichts stand, die Albrechtinische Fehde zwischen dem Markgrafen Albrecht Achilles von Bayreuth und Ansbach und der freien Reichsstadt Nürnberg. Diese Fehde wirkte sich “fühlbar” auf Franken und auf die Umgebung von Nürnberg aus. Ich will deshalb näher darauf eingehen.

Der Markgraf sandte am 25. Juni 1449 dem Rat der Stadt Nürnberg den Fehdebrief. Beide Seiten, die freie Reichsstadt Nürnberg und der Markgraf versuchten sich nun zu schädigen durch Verwüstung des flachen Landes und durch Viehraub. So verbrannten die Nürnberger am 11. August 1449 insgesamt 18 Dörfer und brachten 2000 Haupt Vieh mit nach Hause. Am 20. August werden 14, am 25. August wieder 14 Dörfer in Asche gelegt. Am 20. September 1449 können die Nürnberger wieder 2000 Haupt Beutevieh eintreiben. In 14 Tagen allein werden 46 Dörfer zerstört, das spricht für sich.

Der Markgraf Albrecht Achilles blieb natürlich die entsprechende Antwort nicht schuldig und verbrannte an zwei aufeinander folgenden Tagen allein in unserem Gebiet die Dörfer Bruck, Eltersdorf, Vach, Neunhof, Kraftshof, Buch, Kalchreuth, Heroldsberg und das Städtchen Gräfenberg.

Auf beiden Seiten suchte man keine große Entscheidungsschlacht. Ziel war es vielmehr, den Gegner möglichst zu schädigen, ihn zu zermürben und zum Frieden zu zwingen. Die Hauptleidtragenden dieser Fehden waren die Bauern, die in den offenen Dörfern allen Raubzügen schutzlos preisgegeben waren.

Wie ging es damals in unserem Gebiet, dem Seebachgrund zu? In den Chroniken der deutschen Städte, Nürnberg, Band 2 beschreibt der Nürnberger Feldhauptmann Erhard Schürstab mit peinlicher Genauigkeit die Unternehmungen der Nürnberger. Da das Amt Büchenbach, zu dem auch der Seebachgrund gehörte, unter dem Schutz des Markgrafen stand, kamen die Nürnberger und verwüsteten alles. Im Juli fielen sie das erste Mal ein. Dazu ein Bericht:

“Item darnach rait her Reuß von Blawen, der von Nürnberg Hauptmann hie aus mit 150 geraisigen pferden an die Sebach und brant gar vil Dörfer ab, auch brant er das sloß der Newenburg (Neuenbürg) aus und bramt daz sloß zu Weißendorf aus und brocht ain großen raub von vihe”.

Über die Einnahme des befestigten Kirchhofs von Büchenbach (Erlangen) wird mitgeteilt: “9. August, … zu mittag luffen nie bei 80 Fußengel aus und stürmten den Kirchhoff zu Püchenbach bei Bruck und namen groß traid (viel Getreide) heraus und allerlei, dass sie wol geladen prachten 9 wegen (Wagen) und vihe (Vieh) und vil pawern (Bauern). Am 12. Dezember 1449 erschienen sie erneut.

“Auch an demselben freitag des nachtz waren etlich fußgengel hie ausgegangen und brachten ein raub kühe, hetten sie genommen zu Sebach an der Sebach gelegen (Großenseebach).

Bei diesen Streifzügen wurde nicht nur ein Dorf geplündert, sondern alle die am Wege lagen. Am April 1450 fielen die Nürnberg das letzte mal ein. Wieder war ihr Weg gekennzeichnet von Brand und Raub. Dabei sollen sie 30 Kühe und 20 Schweine mit fort geschleppt haben. Wenn man diese Berichte hört, versteht man, dass den Bauern die Arbeit gar keinen Spaß mehr machte. Ihr Mühen und Plagen hatte überhaupt keinen Sinn, da entweder alles zerstört oder geraubt wurde, abgesehen von den Drangsalen des Krieges. Interessant ist auch der “Kriegsbericht” des Nürnberger Feldherrn Schürstab über Emskirchen im benachbarten Aurachgrund. Die Bauern hatten sich in ihrer Not in die Kirche geflüchtet und wurden dort von den Nürnbergern belagert. Man erlaubte dem Pfarrer, das Allerheiligste zu retten, zündete dann die Kirche kurzerhand an und verbrannte die Bauern. Der Rat lobte nachträglich die Handlungsweise.

Der Markgraf sah ein, dass er mit der Stadt nicht fertig werden konnte, obwohl er viele Bundesgenossen hatte. Die Nürnberger waren militärisch, vor allem was die Artillerie anlangte, im Vorteil. 1450 kam es zu einem Waffenstillstand. Die Kampfhandlungen hörten auf. Frieden wurde allerdings erst 1453 geschlossen. So lange hatten die umständlichen Verhandlungen gedauert.

Die Bewohner des Seebachgrundes hatten während dieser Fehde leidvoll erfahren, dass die üblichen mittelalterlichen Befestigungen überhaupt keinen sicheren Schutz mehr boten. Sowohl die mit einem Graben umzogene Wehrkirche in Büchenbach als auch die mit Zugbrücken, Wassergräben und Mauern umgebenen Schlösser Neuenbürg und Weisendorf hatten die Nürnberger eingenommen und in Emskirchen sogar die in die Kirche geflüchteten Menschen verbrannt. Mit Hilfe ihrer Artillerie, den “Feldschlangen” konnte der schwächste Punkt der Befestigung, das Tor, aus größter Entfernung zerstört werden. Man konnte ohne größere Schwierigkeiten eindringen, alle nach außen gerichteten Verteidigungsanlagen waren sinnlos geworden, die Verteidiger, weil sie sich nicht von vorneherein ergeben hatten, niedergemetzelt, es wurde geraubt und geplündert.

Bau der Hannberger Wehranlage

Die völlig neuartige Verteidigungsanlagen, die man mit den herkömmlichen mittelalterlichen Wehrkirchen Effeltrich und Kraftshof nicht mehr vergleichen kann, entstand zwischen 1454 und 1504, also innerhalb von 50 Jahren. Hinweise auf die genaue Bauzeit sind in Urkunden bis jetzt nicht gefunden worden. Es ist jedoch auf der Südseite des Turmes eine Jahreszahl zu finden, die mit Vorbehalt als 1486 gelesen werden kann, weil die Zahl eins einen zeitfremden Schnörkel aufweist und die Zahl vier, damals eine unten offene acht, oben offen ist, also auf dem Kopf steht.

Inschrift 1486 Südseite Turm

Inschrift 1486 Südseite Turm

 

Dendochronologische Untersuchungen, die 2006 durchgeführt wurden, bestätigen diesen Zeitpunkt. Danach wurden die Bäume für die in Dachstühlen verwendeten Balken in den Jahren 1462 bis 1487 gefällt, also einem Zeitraum, der 25 Jahre umfasst. Man kann daraus schließen, dass sich die Bauarbeiten für die Wehranlage über zwei Jahrzehnte hinzogen und auch die Jahreszahl 1486 ihre Berechtigung hat. Der einfache Steinmetz hat damit das Ende der Steinarbeiten dokumentieren wollen, die dann 1487 mit dem Dachstuhl und den Dachdeckerarbeiten beendet wurden.

Was war nun anders im Vergleich zu bisherigen Verteidigungsanlagen?

Wehrturm mit Schießscharten im Norden

Wehrturm mit Schießscharten im Norden

Wir wissen zwar nicht genau, wie die damalige Anlage in Hannberg aussah, mit Sicherheit hatte sie weder Wassergraben noch Zugbrücke, keinen Wehrgang und keine Schießscharten in der Mauer, dafür Türme, die nach innen und außen aus der Mauer hervorragten. Am Nordwestturm neben dem Pfarrhaus kann man das neue Verteidigungskonzept gut erkennen.

Er ragt nach innen und außen aus der Mauer hervor, hat Schießscharten nach außen und innen, außen in drei, nach innen in vier Etagen. Der Zugang zum Turm ist nur oben, also mit Hilfe einer Leiter möglich. Aus der rechteckigen Öffnung über dem Zugang ragte früher vermutlich ein Balken mit einer festen Rolle, mit deren Hilfe Waffen und Verpflegung in den Turm geschafft werden konnte. Schließlich konnte damit auch die Leiter hochgezogen werden, wenn der letzte Verteidiger den Turm betreten hatte. Die Verteidiger waren in den Türmen sicher und konnten die Feinde, ob von innen oder außen wirksam bekämpfen. Bewohner der umliegenden Dörfer, die in der Kirche mit Schlitzfenstern Zuflucht gefunden hatten, waren weitgehend sicher, der Zugang lag im Schussfeld der Türme.

Sollte trotzdem aus irgendwelchen Gründen alles schiefgehen und es so weit kommen wie in Emskirchen, wo Menschen in der Kirche bei lebendigem Leibe verbrannten, hatte man wahrscheinlich vorgesorgt mit einem unterirdischen Gang.

Unterirdische Gänge

Unterirdische Gängen haben in Hannberg tatsächlich existiert. Es hat eben noch keiner nachgeforscht und darüber geschrieben. Links neben dem Tor zum Festungszugang befindet sich ein Gitterrost. Hier war der Zugang zu dem unterirdischen Gang parallel zur westlichen Festungsmauer für die Verteidiger im Torturm im schlimmsten Falle. Nach dem Abriss der ehemaligen Gastwirtschaft Winkelmann (mit Brauerei und Bäckerei) und der Errichtung der Raiffeisenbank Seebachgrund (heute Sitz Firma Wegscheider, die Redaktion) hat man ihn zugemauert und einen Gitterrost angebracht. Man wollte nicht Ganoven einen Weg zum Tresor im Keller offen halten. Frau Winkelmann, die letzte Besitzerin der Gastwirtschaft erzählte mir, das in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts ein schwerer LKW einer Nürnberger Brauerei, die regelmäßig das Bier lieferte, auf dem Dorfplatz westlich der Gaststätte eingebrochen war. Der Boden über dem darunter verlaufenden Gang hatte nachgegeben. Ebenso wurde ein Stück des unterirdischen Ganges westlich des Kriegerdenkmals beim Bau der Straße nach Röhrach von einem Bagger freigelegt. Der in 2011 verstorbene Besitzer des Gasthauses Baumüller würde sich noch erinnern können.

Der 1959 verstorbene Pfarrer Theodor Stang äußerte einmal mir gegenüber, dass es am Boden beim Beichtstuhl an der südlichen Mauer “hohl” klingt. “Wollen wir nichts davon sagen, sonst reißen sie uns den Boden auf”. Sollte der Gang an dieser Stelle existiert haben, so hätte er in Richtung Ölberg geführt. Unter dem Andreassaal ist ein größerer Keller. Warum? Er hätte im Notfall zur Aufnahme einer größeren Anzahl von Menschen gereicht, um sich dann schließlich nachts einzeln durch den schmalen und niedrigen Gang in Sicherheit zu bringen. Vielleicht findet sich einmal noch jemand, der dieses unbekannte Kapitel erforscht.

Ursprüngliche enge Fenster an Kirchenschiff

Ursprüngliche enge Fenster an Kirchenschiff

Man wird sich fragen:”Hat sich diese neuzeitliche Anlage bewährt?” Was war mit Hannberg in dem rund hundert Jahre späteren 2. Markgrafenkrieg mit dem Markgrafen Albrecht Alcibiades? Ich habe bis jetzt noch nirgends etwas darüber gelesen.

Erst im Dreißigjährigen Krieg wird Hannberg erwähnt, und zwar haben 50 oder mehr solmische Reiter am Neujahrsabend 1632 die Kirche geplündert, den Kelch mitgenommen, den Pfarrer übel traktiert, auf den Tod verwundet, und nach Nürnberg verschleppt, wo er nach Zahlung eines Lösegeldes wieder frei kam.

Von einer Verteidigung der Wehranlage ist 1632 überhaupt keine Rede. Warum? Der Krieg, Hunger, Krankheiten, vor allem die Pest hatten die Bevölkerung derart reduziert, dass es nicht mehr genügend Männer zur Verteidigung gab und deshalb auch keine Verteidigung mehr möglich war.

Resumé

Der gang große Unterschied zwischen der Wehrkirche Hannberg und den Wehrkirchen in Kraftshof und Effeltrich  ist die Verteidigungsmöglichkeit nach innen, die nur in Hannberg gegeben war. Wenn man – wie bei den Nürnberger Streitkräften eine gute Artiellerie, es reichte schon ein einziges Geschütz, hatte, konnte man aus sicherer Entfernung den schwächsten Teil einer Befestigung, das Tor zerstören, dann eindringen und die Festung einnehmen.

Wenn ich Wehrkirchen – gang gleich wo – besichtige, schaue ich immer, ob es auch eine Verteidigung nach innen gibt. Bis jetzt habe ich, außer in Hannberg, keine mehr gefunden.

Quellen

  • Noppenberger, Robert “Wehrkirche Hannberg – Erste moderne Wehranlage der Neuzeit”, nicht publiziert, März 2013
  • Scheven, Friedrich „Die mittelalterliche Befestigung der Dorfkirchen im Regnitzgrau. Inaugural-Dissertation der philosophischen Fakultät FAU Erlangen. Druck der Universitäts-Buchdruckerei Erlangen 1914
  • Meyer, Christian, Dr. „Geschichte Frankens“, G.J. Göschen’sche Verlagshandlung, Leipzig 1909
  • Stark, Monika „Die Wehrkirche in Hannberg“, Zulassungsarbeit zur I. Prüfung für das Lehramt an Volksschulen 1972, Universität Würzburg
  • Erffa, Wolfram Freiherr von „Wehrkirchen in Oberfranken, Verlag E.C. Baumann KG, Kulmbach 1956 – Die Plassenburgschriften für Heimatforschung und Kulturpflege in Ostfranken – Band 11