In dem vorliegenden Artikel wird der Tatsache auf den Grund gegangen, was Hannberg im 16. und 17. Jahrhundert zu einem überregionalen Wallfahrtsort machte. Hierbei wird als Hauptquelle original vorhandene Schriftquellen aus dem Jahr 1653 verwendet. Eine Legende über ein Wunder und der Verehrung eines Hannberger Gnadenbildes geben offenkundig Aufschluss über die historische Bedeutung von Hannberg. Letztendlich stellt sich die logische Frage, warum sich Hannberg als Wallfahrtsort bis heute nicht etablierte.

Hannberg war Wallfahrtsort

Oftmals werden umgangssprachlich Bittgänge, Prozessionen und Wallfahrten in einem Atemzug genannt, obwohl diese in der Wortbestimmung deutliche Unterschiede haben. Bittgänge und Prozessionen sind in der Regel ein gemeinschaftlicher Marsch von Gläubigen einer Pfarrgemeinde zu einer Kirche oder Kapelle in der Nachbargemeinde, um dort zusammen den Gottesdienst zu feiern. Dies wurde früher zu bestimmten Feiertagen gemacht und führte bereits im 15. Jahrhundert zu einem regen „Wallfahrtsverkehr“ zwischen den benachbarten Pfarreien Büchenbach, Herzogenaurach und Hannberg. 

In einem Aufsatz zur 500-Jahr-Feier der Wehrkirche Hannberg beschreibt Klaus-Peter Gäbelein („Wallfahrten nach Hannberg“ auf dieser Internetseite) die Bittgänge zwischen den genannten Pfarreien. In den Herzogenaurachern Pfarrarchiven finden sich Aufzeichnungen von ersten „Wallfahrten“ nach Hannberg in den Jahren 1474 sowie 1488. Explizit wird in diesen Pfarrbüchern aus Herzogenaurach von dem „Wallfahrtsort Hannberg“ gesprochen.   

Wallfahrtsort Mariens

Wallfahrtsort Mariens

 Auch Hans Schaub zitiert in seinem Buch von 2007 „Die Wehrkirche zu Hannberg“ mehrere Quellen, die Hannberg als Wallfahrtsort bezeichnen, z.B. von Besuchern aus Schlüsselfeld „… Diese Kirch ist auch ein Wallfahrtsort…“ oder aus dem Büchenbacher Pfarrbuch von 1612 „…über Wallfahrten nach Hannberg“ wegen einer „schönen Mutter Gottes“.

 Wie wird man nun zum Wallfahrtsort? Um ein Wallfahrtsort (oder gleichbedeutend Gnadenort) zu werden, musste zuallererst ein Wunder im Bezug auf diese Kirche nachgewiesen werden.  Der Jesuitenpater Gamans beschreibt in einem Bericht über seinen Besuch in Hannberg aus dem Jahr 1653 von einem Wunder- und Gnadenakt für einen Gefangenen aus Baiersdorf mit Bezug auf Hannberg, welches sich damals zugetragen haben sollte.

Der Gefangene mit gelösten Fesseln in Hannberg 

Gefangener mit gelösten Fesseln

Gefangener mit gelösten Fesseln (Quelle: siehe unten)

Laut dem handschriftlichen Bericht von Pater Gamans, welcher heute in der Universitätsbibliothek von Würzburg vorligt hat sich damals in Hannberg folgendes zugetragen.

Es war einmal ein Gefangener, der mit Fesseln in einem Kerkerturm in Baiersdorf gefangen war. Dieser Gefangene hatte während einer Nacht einen Traum, in dem ihm die heilige Mutter Gottes erschien. Die Mutter Gottes ermahnte ihn und empfahl ihm, er solle nach Hannberg in das Gotteshaus ziehen und Buße tun („… er solle sich Hannberg feierlich geloben“), so wird er wieder erlöst werden. Dann sagte Maria dem Gefangenen, dass er unter seinem Kopfkissen einen Nagel finde, mit dem er die Fesseln und die Steine des Kerkers öffnen könne. Nachdem er die Mauer durchbrochen hatte kam er am folgenden Morgen „unter göttlicher Führung“ nach Hannberg und fragte einen Mann, welche Kirche das sei. Dieser antwortete, dass dies die Kirche in Hannberg sei. Da dies der Ort war, der ihm in der Nacht von der Mutter Gottes genannt wurde, trat er in die Kirche ein und bot seine mitgebrachten Fesseln als Weihgabe dar. (vgl. Schaub).

In dem Bericht von Pater Gamans wird laut Schaub berichtet, dass zu dem Zeitpunkt seines Besuchs im Jahr 1653 neben einem Gnadenbild „drei, vier hölzerne Balken, durch Nagel zusammengefügt, waren, an dem zwei sehr große schwere Hand- und Fußfesseln für beide Hände und Füße aufgehängt waren“. Eine mögliche Vorstellung ist laut Schaub, dass die Holzbalken und die Hand- und Fußfesseln quer über dem Chorraum befestigt waren und daran Votivgaben und Bittschriften der Gläubigen in Hannberg befestigt waren. Die Hand-. und Fußfesseln sollten aussagegemäß von dem Baiersdorfer Gefangenen stammen.  

 

Das Hannberger Gnadenbild 

Gnadenbild Pietà mit gefaltenden Händen

Gnadenbild Pietà mit gefaltenden Händen

In dem Bericht von Gamans aus dem Jahr 1653 gibt es darüber hinaus einen wichtigen Hinweis über die Existenz eines Hannberger Gandenbildes, dass zu der damaligen Zeit von vielen Gläubigen in Hannberg verehrt wurde.

 Er beschreibt, dass es „… im Chor auf der Evangelienseite nahe dem Sakramentshaus eine Säule steht, darauf ein Tabernakel, bogenförmig gewölbt, sehr schön renoviert und bemalt, in dem eine über drei Fuß hohe Statue der heiligen Jungfrau sitzt, die auf ihrem Schoße den vom Kreuz abgenommenen Christus in Sitzhaltung mit gefalteten Händen in der Mitte (des Körpers) umfasst (Quelle: Pater Gamans, Handschrift Universitätsbibliothek Würzburg, M.ch.q.93).

Es handelte sich hierbei um das Hannberger Gnadenbild „Pieta mit verschränkten Händen Mariens“. Die Eigenart, dass die Maria den Körper des toten Christus mit verschränkten Händen umfasst war das Besondere am Gnadenbild in Hannberg. Laut Schaub trägt dieses Gandenbild aus kunsthistorischer Sicht gotische Züge, ist aber der Zeitepoche der Neugotik zuzuordnen und vermutlich um 1550 entstanden.

 Laut R. Noppenberger (siehe Aufsatz „Die Die Geschichte vom verschwundenen Hannberger Gnadenbild“ auf dieser Internetseite) war der Zudrang zum Gnadenbild im 16. Jahrhundert in Hannberg enorm. Als Beweis des aktiven Wallfahrtsbetriebs wird ein Bericht herangezogen, dass die Kapuzinerpriester aus Höchstadt, die Franziskaner aus Forchheim sowie die Geistlichkeit aus Herzogenaurach, Büchenbach und Schlüsselfeld zur Aushilfe im Beichtstuhl und auf der Kanzel eilten. Noch im Jahr 1789 empfingen an einem Feiertag 1200 Gläubige die Sakramente in Hannberg (siehe Regensburger Marien-Kalender, Seite 9).

Bis Anfang des 19. Jahrhundert finden wir Angaben zur Existenz des Gnadenbildes in Hannberg, welches daraufhin verschwand. Im Jahr 1890 findet sich die Pieta mit verschränkten Händen Mariens in der neugebauten Kapelle in Hammberbach wieder. Leider finden sich keine archivarische Belege zur Dokumentation der „Übersiedlung“ zur der Kapelle Hammerbach, wo es heute noch vorhanden ist.

Maria mit dem Kinde und weitere Reliquien 

Maria mit dem Kinde

Maria mit dem Kinde

Neben dem Gnadenbild in Hannberg gab es noch weitere Gründe für einen historisch aktiven Wallfahrtsverkehr nach Hannberg. In einem Büchenbacher Pfarrbuch wird beschrieben, dass die Pfarrei Büchenbach nach Hannberg wegen einer „schönen Mutter Gottes“ wallfahrten. Diese Mutter Gottes wird laut Schaub wahrscheinlich die im Hauptaltar heute noch vorhanden „Maria mit dem Kinde“ gewesen sein, die auch Gamans in seinem Bericht 1653 bereits hervorhob. Da die Kirche in Hannberg als Patronatsfest die Geburt Mariens jährlich am 8. September feiert, ist die Anbetung einer Maria als Mutter mit dem Jesuskind nahe liegend.

In einem Aufsatz von M. Stark „Die Wehrkirche in Hannberg“ aus dem Jahr 1972 werden darüber hinaus Hinweise auf Reliquien gegeben. Stark zitiert hierbei eine Chronik vom 29. September 1730 zur Einweihung der im Barock eingebauten Seitenaltäre in der Hannnberger Kirche. Darin wird berichtet, dass “um die Vesperstunde der Suffraganbischof von Würzburg, Johannes Bernhard, über Höchstadt kommend, in Hannberg eintraf. Er betete mit dem Volk die Vesper, den Rosenkranz und die Allerheiligenlitanei vor den ausgestellten Reliquien. Am anderen Tag konsekrierte er die beiden Seitenaltäre, einen zu Ehren der Heiligen Katharina, den anderen zu Ehren der Heiligen Drei Könige, und schloss darin die Reliquien der Heiligen Tilurtius und Maximus ein” (vgl. M. Stark, Seite 98).

 Wer waren diese Heiligen, deren Reliquien in Hannberg vorhanden gewesen sein sollen? Vom Heiligen Tilurtius sind dem Autoren keine Informationen bekannt. Der Heilige Maximus war ein frühchristlicher Priester und Märtyrer, der in Salzburg im Jahr 477 nach Christus getötet wurde. Maximus wurde an einem Pfahl aufgehängt. Das Andenken dieses Heiligen Märtyrers wird in Salzburg in der Margarethakirche, der ehemaligen Saint Amandikirche, gefeiert.

Warum hat sich Hannberg nicht etabliert?

Wallfahrer im Mai 2013 in Hannberg

Wallfahrer im Mai 2013 in Hannberg

Nach Beschreibung all der wunderlichen Ereignisse und des starken Zulauf von Gläubigen und Wallfahrern nach Hannberg stellt sich natürliche die Frage, warum Hannberg als Wallfahrtsort im 21. Jahrhundert keine Rolle mehr spielt.

 Schaub macht in seinem Buch deutlich, dass neben dem Vorliegen eines Wunders auch weitere Faktoren eine entscheidende Rolle spielen, die in Hannberg nicht explizit gegeben waren.

 Erstens, um einen Wallfahrtsort auf Dauer zu etablieren bedarf es eines Seelsorgers, der den Wallfahrtsbetrieb angemessen organisieren und betreuen kann. Da nach der Gründung der Pfarrei Hannberg im Jahr 1505 die Pfarrei in Büchenbach für die Seelsorge zuständig war, fehlte somit vor Ort ein Amt, dass den Wallfahrtort ausreichend hätte fördern und etablieren können. Der Pfarrer in Büchenbach war somit in 16. Jahrhundert der Vorgesetzte des Pfarrers in Hannberg und hatte somit weniger Interesse an einem dauerhaften Wallfahrtsort in Hannberg.

 Zweitens, ein dauerhaften Wallfahrtsort bedarf die Existenz eines Patrons, d.h. einer kirchlichen Instanz, die den Wallfahrtgedanken über die lokalen Grenzen bekannt macht und fördert. Hannberg gehörte vom 15. – Anfang 19. Jahrhundert zum Bistum Würzburg, die Grundherrschaft lag im Hochstift in Bamberg. Das Hauptinteresse von Bamberg zu diesem Zeitpunkt war es, finanziellen Abgaben der Pfarrei Hannberg zu erhalten und nicht der überregionalen Verbreitung des Wallfahrtsortes Hannberg zu fördern. In der Tat wird in Schriften aus dem Jahr 1598 deutlich, dass der Pfarrer in Hannberg sich beklagt, dass das Ordinariat Würzburg zwar gerne die Einnahmen aus dem Wallfahrtsverkehr in Hannberg verbucht, jedoch zu wenig Unterstützung Hannberg zukommen lässt.  (vgl. Diozösanarchiv Bamberg, 1598). 

 Quellen

  • Hans Schaub „Die Wehrkirche zu Hannberg“ , Heinrichs-Verlag Bamberg, 2007
  • Diozösanarchiv Bamberg, Rep I, Pf.A, Nr. 532, Schreiben an das Ordinariat Würzburg, 1598
  • R. Noppenberger „Die Geschichte des verschwundenen Hannberger Gnadenbildes“, 2013
  • M. Stark „Die Wehrkirche in Hannberg“
  • Bild „Gefangener mit gelösten Fesseln“, Landbauamt Nürnberg, Zeitungsartikel in Bayerische Ostmark vom 7. September 1936